Dienstag, 27. Oktober 2009

Frankfurt, 27.10.2009 - Mein erster Marathon

νενικήκαμεν (nenikikamen)


„Wir haben gesiegt!“

rief angeblich vor ziemlich genau 2.500 Jahren ein griechischer Läufer, nachdem er von Marathon aus nach Athen zurückgelaufen war, um die Kunde vom Sieg der Athener über die Perser zu überbringen. Danach soll er tot umgefallen sein. Eigentlich also ein Grund, die Finger von so was zu lassen. Aber dann gäb’s ja jetzt nix mehr zu erzählen…

Einen Marathonlauf finishen – wieso eigentlich?

Die Story meines ersten Marathons beginnt genau genommen im Dezember 2008, eigentlich aber noch acht Jahre früher – am 30.12.2008 lief ich nach drei Wochen Training den Silvesterlauf der LSG Saarbrücken-Sulzbachtal, einen 10-km-Lauf in 48:32, um eine schlechte Erinnerung an das Jahr 2000 auszumerzen. Damals lies ich mich ohne Training zu einer Teilnahme überreden und litt 59:48 Minuten lang – das ließ mich wehmütig an meine Bundeswehrzeit zurückdenken, als ich noch 5000m in 18:32 gelaufen war.

Seitdem habe ich meine Freude am Laufsport wiedergefunden, der Ausdauersport hatte mich schon seit 2004 wieder gepackt, nachdem ich damals meine Liebe zum Rennradfahren entdeckt hatte – mittlerweile fahre ich um die 7.000 km im Jahr und habe schon zweimal mit meinem Radsportverein die Alpen überquert.

Motiviert von der erfolgreichen Teilnahme am Silvesterlauf war ich ohnehin, aber noch mehr trieben mich die Ergebnisse meiner beiden dort auch laufenden Freunde Mark Kien und Holger Maroldt, die dort Zeiten knapp über 40 Minuten hinlegten – da dachte ich mir: „Das will ich auch!“

Nach fleißigem, aber recht strukturlosem Training lief ich im Frühjahr zwei Halbmarathons in Saarbrücken, den einen am 15.02. in 1:37:12, den zweiten am 15.03. in 1:33:12. Danach wurde ich lauftrainingstechnisch etwas faul, aber nur weil ab dann das Radtraining im Vordergrund stand – schliesslich hatte ich im Sommer meinen Alpencross vor der Brust, und Anfang April gings dafür ins Trainingslager nach Igea Marina (Italien).

Mein nächstes „Laufziel“ waren also 10 km in 40 Minuten – ich dachte, mit viel Radtraining und ab und zu Laufen ist das drin. Falsch gedacht. Mitte Juni bezahlte ich den übertriebenen Versuch bei einem Wettkampf in Saarbrücken mit einem Sturz kurz vor dem Ziel vor Erschöpfung. Ich schleppte mich zwar mit 41:14 ins Ziel, war aber um die Erkenntnis reicher, dass nur gezieltes Training und realistische Anpassung der Zielzeit während des Laufes Erfolg zeitigt.

Jedenfalls hatte ich am Laufen wieder soviel Spass gefunden, daß ich höhere (oder besser noch – längere) Ziele ins Auge fasste, aber eine wichtige Sache hatte ich gelernt: Sich Ziele zu setzen, ist essentiell – sich übertriebene Ziele zu setzen, ist das Gegenteil davon. Das aber immer wieder zu beherzigen und scheinbare Erfolge im Training nicht sofort zum Anlass zu nehmen, mehr zu wollen, sollte auch in den nächsten Wochen eine ständige Herausforderung bleiben.


21,1 oder 42,2?

Ich nahm mir daher als nächstes neben dem Radfahren, wo ich übrigens meine Ziele nicht nur erreichte, sondern sogar übertraf, lauftechnisch den Halbmarathon in Köln vor, um dann evtl. – sollte mir die Veranstaltung gefallen – 2010 den Kölner Marathon zu laufen.

Aber als ich mich dann online anmelden wollte, war der Halbmarathon schon ausgebucht. Enttäuscht schaute ich mich nach Alternativen um, und als ein Freund mir erzählte, dass er in Frankfurt seinen ersten Marathon laufen wolle (von ihm wird später noch die Rede sein), checkte ich im Internet, ob es dort auch einen Halbmarathon gäbe. Gab’s aber nicht. Dann eben Marathon, dachte ich mir, und kurzentschloss (hat da jemand Kurzschluss gedacht?) mich zum Start über 42,195 km am Main. Fast daheim – mein Vater ist Offenbacher von Geburt.

Und jetzt? Eine Zielzeit von 3:30 hielt ich für ein realistisches Ziel, ein Trainingsplan musste her – fündig wurde ich auf http://www.achim-achilles.de, die Kolumnen des Idols aller Freizeitläufer lese ich seit Jahren regelmäßig, Klemmbrett-Karraß war mir daher zumindest virtuell wohlvertraut. Also:

3:30 als Zielzeit eingegeben, Datum des Marathons durch probeweises Variieren des Trainingsbeginns eingestellt – fertig. Da es nun aber schon Mitte August war, konnte ich die ersten beiden Wochen „haken“ – egal, dachte ich, die Grundlagenausdauer vom Radfahren reicht.  War auch so. Ich stieg in Woche drei ein und fand die Einheiten sowohl vom Anspruch als auch vom Rhythmus her wie für mich gemacht. So weit, so gut.

Das erste Problem, das mich dann durch die gesamte Vorbereitung hindurch begleiten sollte, war ein „12 km DL im ruhigen Tempo (5:30/km)“-Lauf am 28.08.09. Falsche Sockenwahl, fehlende Einsicht während des Laufs bei den ersten Schmerzen und Macho-Allüren summierten sich zu zwei fetten Blasen an den Fersen beider Hufe. Zudem hatte ich mir statt der am nächsten Tag anstehenden 8*1000m den Saaraltarm-Lauf in Saarlouis, ein 10er durch unsere Kreisstadt, vorgenommen.

Also: Blasen abkleben, 10 km in 43:36, und ab zum Fest des Radsportvereins, wo die Familie schon wartete. Am nächsten Tag dann wieder Blasen abkleben und einen 22-km-DL.

Man ahnt es schon: Das hat das Heilfleisch nicht goutiert. Trotz nachfolgendem Pausentag und bester medizinischer Versorgung durch die Krankenschwester-Gattin sind meine Fersen bis zum Marathon nie wieder richtig in Ordnung gekommen. Vor allem bei Steigungen, wenn die Ferse sich an die Rückwand der Schuhe drückte, tat’s teilweise höllisch weh, aber da ein Indianer keinen Schmerz kennt und ich vor allem das Ziel vor Augen hatte, wurde die Pein geflissentlich ignoriert – wenn’s ging.

Anfang September machte ich einen Laktat-Test, dessen Ergebnis mir unter Berücksichtigung des Trainingsplans sogar eine Zielzeit von 3:19 verhieß.

Am 06.09.09 ersetzte ich einen 25-km-DL durch einen Halbmarathon, ich startete in Merzig beim Saarschleife-Halbmarathon und lief persönliche Bestzeit, 1:29:19, und das ohne übermäßige Anstrengung.

Ich war superzufrieden und begann im Lichte der Ereignisse von einer besseren Zielzeit in Frankfurt zu träumen. 3:20? Vielleicht sogar noch schneller? Hinzu kam, daß mir die Vorgaben des Trainingsplanes mittlerweile schon fast zu leicht vorkamen und ich sie auch regelmäßig unterbot (statt 5:30 bei „ruhigem Tempo“ lief ich 5:00, statt 4:30 bei den 1000er-Intervallen 4:00 usw.). Erst viel später dämmerte mir, daß es darum ja eigentlich gar nicht geht.

Den im Trainingsplan vorgesehenen Halbmarathon am 20.09.09 lief ich in Nalbach, sehr profiliert (350 hm) und mit viel Wald, da waren die 1:38:19 echt ok, vor allem, weil ich nicht ans Limit ging und meinen Puls schön im Auge behielt.

Vorher schon, aber erst recht danach, machten die Fersen wieder ernsthaft Probleme. Details erspare ich Euch, aber schön war’s nicht. Die eine oder andere Einheit musste ich fallenlassen bzw. durch lange Radfahrten wenigstens halbwegs ersetzen. Es begann rumpelig zu werden in der ansonsten so geschmeidigen Vorbereitung…


Mainhattan im Blick

Doch der immer näherrückende Starttag motivierte und ließ mich oft die Schmerzen vergessen, zumal bis aufs linke Knie der Rest des Körpers überwiegend gut auf das Training reagierte. Mein immerwährender Wunsch nach etwas Gewichtsverlust wurde leider nicht erfüllt, da die Trainingsanstrengungen meinen Appetit mehr als mir lieb war anregten. Frau und Mutter hatten auch offensichtlich Angst, dass ich den Hungertod erleide, und motivierten mich mit lieben Worten („Du siehst aber schlecht aus, iss was!“). Beim abschließenden 22-km-DL eine Woche vor dem Rennen machte ich mir schon Sorgen: Trotz ruhigen Tempos (5:30/km) war mein Puls nicht unter, sondern sogar knapp über meiner IANS-Schwelle.

Trotzdem bereitete ich mir voller Tatendrang ein Durchgangszeitenarmband für eine Endzeit jenseits der 3:30 vor – für welche Zeit genau, verrate ich hier aber nicht ;-) .

Das die Familie mich begleiten würde, war selbstredend. Wir buchten eine schnuckelige Frühstückspension in Dreieichenhain mit nahem S-Bahn-Anschluss und fuhren schon Samstagmorgen nach Frankfurt.


Der Tag vor dem Rennen

In Frankfurt angekommen und das Auto für ganz teuer Geld unter der Messe geparkt, und ab gings. Jan-Robin (11) und ich nahmen erstmal am Brezellauf, einem lockeren Einlaufen der Marathonis ohne Wettkampfcharakter, teil – dort trafen wir auch unseren Saar-Landsmann Jan Frodeno, seines Zeichens Triathlon-Olympiasieger. Wir hielten ein kurzes Schwätzchen (der Typ ist ja sowas von locker und völlig allürenfrei) und dann gings auf ca.  5,5 km unterm Bahnhof durch, am Main entlang, über zwei Brücken (Holbeinsteg und Friedensbrücke) und zurück.  Frankfurt-Legende Herbert Steffny (Sieger 1985, 1989, 1991) war auch dabei. Danach gabs lecker Brezeln und Apfelsaft.

Gemeinsam holten wir unsere Startunterlagen ab (Jan-Robin hatte für den „Mini-Marathon“ gemeldet), danach gings für die Mädels zum „Struwwelpeterlauf“. Von der Caritas gabs ein gesponsortes T-Shirt, dann ging es in verschiedenen Altersklassen über 420m in die Festhalle hinein, wo die Kinder durch das Original-Rennziel liefen. Alle hatten mächtig Spaß!

Anschließend besuchten wir die „Marathon-Mall“, eine Messe mit Laufartikeln und Ständen anderer Städte, die auf ihre Läufe aufmerksam machten (Wien schien auch toll zu sein, Gilbert Kirwa gewann da im Frühjahr). Danach ging’s zur Nudel-Party in die Festhalle.

Zum Abschluß eines schönen Tages in Frankfurt spazierten wir noch am Main entlang, durchs Nizza, checkten die Spielplätze aus (1a, meinte Annabelle) und fuhren dann gegen 17.00 Uhr ab Richtung Dreieichenhain – vorher aber nochmal Teile der Strecke mit dem Auto ab. In Neu-Isenburg gingen wir noch ein bisschen was essen, und dann ging’s früh aufs Zimmer und in die Falle.


Raceday!

Ich war morgens schon um 07.00 Uhr auf (eigentlich war’s ja 8, aber wegen der Zeitumstellung war uns eine Stunde länger Schlaf gegönnt). Gleich das Müsli reingepfiffen, um den Drei-Stunden-Abstand zum Start einzuhalten. Die Familie frühstückte vom tollen Büffet um 8 Uhr, für mich gabs da nur noch Flüssiges.

Zimmer geräumt, Sachen gepackt, ab zum Park&Ride nach Buchschlag und los Richtung City. In Frankfurt angekommen, glich die Messe um 09.25 Uhr einem Ameisenhaufen. Trotzdem lief alles glatt – beide Kleiderbeutel, Jan-Robins und meinen, abgeben, ein letztes Mal „austreten“, Strümpfe an – ab zum Start. Frau und Kinder schauten so besorgt, als müsste ich in den Krieg ziehen. Sollte meine überaus intuitive Frau etwas ahnen? Mich beschlich ein ungutes Gefühl…

Ich hatte einige Seeberger-Fruchtschnitten am Mann, außerdem drei Power-Gels und für die Prärie ab Mainzer Landstraße einen iPod, den ich aber, soviel schon jetzt, nur ca. 15 Minuten benutzte. Ansonsten genoss ich die Geräuschkulisse der City, der Läufer, der Fans und der Bands.

Am Start hielt ich mir mit einigen Mitläufern noch ein Schwätzchen, ehe es dann um 10 Uhr losging. Die unvermeidlichen Einpeitsch-Versuche des Moderatoren ertrug ich still („Und jetzt alle die Hände hoch, zeigt, daß ihr gut drauf seid!“ – ehrlich, wer braucht das eine Minute vor dem Start eines Rennens, auf das man sich monatelang vorbereitet hat?), und dann ging’s los – erst im Trippelschritt, dann ab der Startlinie – noch schnell die Uhr gedrückt – gleich ganz gut im Laufstil, ohne Stau.

km 0 – km 5

Rundenzeit    HFMax    Ø    Min    Dist  min/km
0:23:50,0      158    153   137    5.0    4:46

In Gedanken war ich immer bei
meinem Personal Coach...
Ich kam ganz gut in Trab, und 300m nach dem Start entdeckte ich auch meine Lieben. Ein kurzer Wink, und weiter gings. Nach zwei Kilometern 9:15, Puls gut (152), so könnte es weitergehen. Ging es aber nicht.

Der Polar ging ab in Richtung 160, und ich dachte an die mahnenden Worte meines Personal Coaches just b., ein Guru des Ausdauersports, Hawaii-Ironman-Finisher und Buchautor, dessen Worte für mich Gesetz sind („denk an die Schwelle, sonst hast Du ab km 26 keinen Spaß mehr!“).  Also zwang ich mich zur Mäßigung, obwohl das schwerfiel. Die Traumzeit (nein, ich sag’s nicht!) war heute wohl nicht drin.


Außerdem fingen mal wieder die Fersen an, wehzutun. Und es sollte noch schlimmer kommen.  Wenigstens ein bekanntes Gesicht bei km 4. Die liebe Kety Sehn aus Schwarzenholz grüßte mich, ihr Frank war wahrscheinlich schon lange vorbei…

km 5 – km 10

Rundenzeit    HFMax    Ø    Min    Dist  min/km
0:24:15,0      160    156   151    5.0    4:51

Ein Blödelbarde am Wegesrand rief: „Und alle die Hände hoch und klatschen!“. Wo meint der, sind wir hier, in der Disco? Fersen tun immer weher, ich denke an die sicherheitshalber mitgenommene Paracetamol, will aber so früh auch nix einwerfen. Immer im Zick-Zack durch die City, nun doch viel Gedränge, ein rundes Laufen fällt da schwer. Die erste Verpflegungsstation habe ich liegenlassen. Kurz vor km 10 der erste und einzige richtige Anstieg – ging gut, aber Höllenschmerzen in den Fersen.  Ich denke kurz ans Aufgeben und verwerfe den Gedanken sofort wieder. Beim Ablauf wird’s besser…

km 10 – km 15

Rundenzeit    HFMax    Ø    Min    Dist  min/km
0:24:20,0      159    155   149    5.0    4:52

48:06 nach zehn Kilometern – adieu, Traumzeit. Meine Beine wollen schneller, mein Kopf stoppt sie. Visionen von just b., zwischen Wolken hervorlugend: „…ab km 26 keinen Spaß mehr…“ projeziere ich vor mein geistiges Auge – ich will aber Spaß haben! Also: Tempo raus, schön auf den Puls achten! Das klappt auch, wir sind jetzt schon über die alte Brücke in Sachsenhausen und laufen Richtung Kennedyallee. Nach dem ersten Staffelwechsel überholen uns „frische“ Staffelhasen – Kunststück! Auf der Kennedyallee – endlich eine lange Gerade – wird mir klar, wie gut es war, dass wir gestern die Strecke teilweise abgefahren sind. Ich kenne die Gegend nun vom Sehen, laufe daher nicht so sehr ins Unbekannte, das gibt Sicherheit. Puls immer noch schön um bzw. unter 155.

km 15 – km 20

Rundenzeit    HFMax    Ø    Min    Dist  min/km
0:24:10,0      160    155   147    5.0    4:50

Lustig – einige schlagen sich in die Büsche, um schnell Gewicht zu verlieren – ob diese Taktik sinnvoll ist? Zufrieden, derlei Probleme nicht zu haben, tuckere ich gleichmäßig voran. Die ersten fangen an mit Gehpausen – da verschwende ich keinen Gedanken dran. Und das Beste – die Fersen geben Ruhe! Sie sind wahrscheinlich mittlerweile weichgekocht…  Jetzt geht’s nach Niederrad, nicht gerade die Sahnelage. Frau Roth wohnt bestimmt nicht hier. Bevor mich jetzt alle Niederrader dissen: Nach den ganzen Villen der Kennedyallee sind die Wohnsilos halt einfach ein Kontrast. Und die Leute sind toll, machen Stimmung und freuen sich. Nach dem Torbogen in der Altstadt (heißt die so?) von Niederrad kocht der Mob – Bands überall, Musik, coole Outfits – doch nicht so langweilig, wie ich dachte. So vergeht auch die Zeit schneller. Nachteil: Man will schneller laufen. Ruhig, Brauner!

km 20 – 25 km

Rundenzeit    HFMax    Ø    Min    Dist  min/km
0:24:55,0      163    158   146    5.0    4:59

Bergfest in Sicht – und die Zahl der „Ausfälle“ nimmt zu. Folge der doch unerwartet warme Temperaturen oder der Schwüle? Viele müssen gehen, haben Krämpfe oder humpeln. Auch bei mir schleichen sich erste leichte Schmerzen ein, aber nichts wirklich Erwähnenswertes. An der „Wendemarke“ 1:41:51 – ist da vielleicht doch noch eine Zeit um 3:20 drin? Der Wunsch ist stark, aber wenn ich in meinen Körper hineinhöre, wohl eher nicht. Die Zielzeit von 3:30 erscheint realistisch – würde den Plan von Klemmbrett-Karraß ja auch bestätigen. Noch schnell zwei Bananen gefuttert, Apfelschorle getrunken, und weiter.

Richtung km 25 geht’s über die Schwanheimer Brücke nach Höchst. Auf der Brücke lerne ich Beate Wenzel vom Polar-Team kennen, die mich bittet, ihren MP3-Player bzw. die Kopfhörerkabel zu entwirren. Mach ich natürlich gerne. Sie lädt mich aus Dank nach dem Rennen zum Polar-Stand ein. Ja, eine neue CS800 könnte ich schon brauchen ;-).
Aber „was Süßes“, was Beate mir verspricht, tut’s auch. Wir wünschen uns viel Glück und weiter geht’s Richtung Höchst. Der Puls pendelt sich jetzt doch etwas über 155 ein – würde ich ihn jetzt aber drosseln, würde ich doch zu langsam für meinen Geschmack. Ich verliere auch so schon ein bisschen mehr Speed, als mir lieb ist.

km 25 – km 30

Rundenzeit    HFMax    Ø    Min    Dist  min/km
0:25:45,0      161    158   152    5.0    5:09

Auch in Höchst noch ein kleiner Anstieg. Die Schmerzen in den Fersen kommen wieder – und mit ihnen auch andere, nämlich in den Füßen, im Knie und im Kreuz. Aber ich habe immer noch Spaß – danke, just b.! Die mitgeführte Schmerztablette hab ich nicht genommen, wer weiß, was das auslösen würde… Wenig motivierend ist die Mitteilung des Sprechers bei km 28 oder so, dass der Sieger gerade ins Ziel gelaufen ist – so ein Mist, meine Taktik, ihn in Sicherheit zu wiegen und dann anzugreifen, ist dahin! Puls marschiert jetzt in Richtung 160, aber das ist ok. Er darf nur (noch) nicht höher. Die Dropouts werden zahlreicher. Wir biegen jetzt auf die Mainzer Landstraße ein. Ich treffe einen Saarbrücker, Christian, dem es nicht so gut geht, wünsche ihm alles Gute und laufe weiter. Geradeaus, geradeaus. Die Türme kommen in Sicht. Nicht mehr weit bis in die City – oder?

km 30 – km 35

Rundenzeit    HFMax    Ø    Min    Dist  min/km
0:26:45,0      164    159   145    5.0    5:21

Ich mach jetzt doch den iPod an. Boss, hilf mir – und er tut es. „Sherry Darling“, “The Ties That Bind” und „Born To Run“ kommen jetzt echt gut. Was im Gegensatz dazu nervt, sind die Staffelläufer, die einen federnden Schrittes passieren.  Das haut einem jedesmal in die Kniekehle, denn man denkt unwillkürlich, man sei viel zu langsam, bis man dann das Schild „Staffel“ auf den noch fast unverschwitzten T-Shirts erkennt. Na super – die Staffelhasen sind ja erst drei km unterwegs, da wär ich auch noch frisch und könnte hüpfen. Am Straßenrand versinken Sportkameraden, die echt am Ende sind, im Rinnstein. Steven, vielleicht 30 Jahre alt, sitzt da und schaut drein, als sei sein Kätzchen gerade von einem LKW überfahren worden. Mitleid kommt auf, am liebsten würde ich jeden aufmuntern, aber zum einen, denke ich, brauchen die Leute das jetzt wirklich nicht, zum anderen sind wir im Dschungel und jeder kämpft für sich. Schon zweimal kam ein Krankenwagen mit Blaulicht vorbei. Irgendwo hier im Niemandsland muss mich auch mein Freund Jörg Maas überholt haben, ich hab ihn aber nicht wahrgenommen, er mich auch nicht. Chapeau vor seiner Leistung, er hat sich die Strecke super eingeteilt (am Ende kam er ca. vier Minuten vor mir ins Ziel)! Ich hingegen merke intuitiv, dass hier mein absoluter Tiefpunkt im Rennen ist – trotzdem es mir nicht schlecht geht, ich hänge einfach nur durch. Nach gefühlten 15 km verlasse ich das endlose Band der Mainzer Landstraße und biege nach links in die Sodener Str. ein. Mir geht’s immer noch gut, aber die Schmerzen werden stärker. Ich zähle die Kilometer rückwärts -  nur warum werden die Abstände zwischen den Schildern scheinbar immer größer? Endlich die Osloer Str. – kenn ich, hier kamen wir mit dem Brezellauf vorbei, “nur” noch ca. acht Kilometer, und eine Verpflegungsstation kommt in Sicht! Schnell das letzte Gel reindrücken und danach was trinken und essen. Nie haben Apfelschorle und Bananen so gut geschmeckt.

km 35 – km 40

Rundenzeit    HFMax    Ø    Min    Dist  min/km
0:25:55,0      164    162   158    5.0    5:11

Von hinten bin ich noch zu erkennen - hier ca. bei km 38...
Es motiviert ungemein, wieder an der Friedrich-Ebert-Anlage vorbeizukommen. Nicht nur, weil der Namensgeber ein großer Sozialdemokrat war, sondern auch, weil nun die letzten City-Runden anstehen, und das Ende in Blickweite gelangt. Aber auch diese Betrachtungsweise ist relativ – immerhin sind es doch noch mehr als sieben Kilometer. Ich suche in der Masse der Zuschauer Frau und Kinder, finde sich aber nicht. Sie mich schon – sonst gäb’s ja keine Fotos… Aus tausend Kehlen ertönt “Papa!” – lieb gemeint, aber nicht sehr hilfreich, denn das ist ja irgendwie fast jeder, oder? Ein hartes “Aumann” hätte zumindest für mich wohl eher die Erkennungswahrscheinlichkeit erhöht. Puls nun längst um oder knapp über 160, immer noch versuche ich es mit Disziplin, denn die Angst vorm finalen Krampf ist doch noch da. Ich treffe Helmut, 73, wieder, den ich auch schon früher in der Kennedyallee mal wahrnahm. Es bleibt genügend Luft für den wechselseitigen Austausch von Komplimenten. Ich kann nicht anders, als ihm zu sagen, was für ein toller Sportler er ist – in dem Alter noch so “schnell” auf der Marathonstrecke unterwegs zu sein, ist nicht nur aller Ehren wert, sondern mehr als das. Seine Antworten kommen ihm locker über die Lippen, meine Redebeiträge dagegen wirken seltsam gepreßt. Der Kerl ist zäh, tough, fast, cool – auch wenn aus den Attributen nun Anglizismen werden, ich kann nicht anders, als den Mann zu bewundern. Einfach nur Klasse, was der hier abzieht – nachher habe ich übrigens gesehen, daß er die AK M70 locker gewonnen hat. Ein Supersportler – und trotz allem im Gegensatz zu meinen mittlerweise entgleisenden Gesichtszügen immer noch ein Lächeln auf den Lippen. Ganz großes Kino!

km 40 – km 42,195

Rundenzeit    HFMax    Ø    Min    Dist   min/km
0:10:04,0      176    168   161    2.2    4:34

Langsam dämmert mir, dass, wenn ich unter 3:30 bleiben will, nun doch langsam das “Lösen der Handbremse” angesagt ist. Bei aller Disziplin und Vorsicht merke ich nun auch, es geht: Adrenalin und Freude gewinnen die Oberhand, und ich lasse die letzten Hemmungen fallen – spätestens ab km 41 renne ich und fühle mich frei und unbeschwert. Der Hammering Man ist in Sicht, und nun geht alles ganz schnell. Der Blick wandert zwischen Polar-Uhr, Straße, Sportkameraden neben mir und wieder der Uhr hin und her. Da ist die Festhalle, 3:29:30 – auf geht’s, das passt doch! – denke ich und bin einfach nur glücklich, als ich den roten Teppich unter meinen Füßen spüre. “Und da die typische Handbewegung, der Griff zur Uhr, wenn die Läufer die Ziellinie überqueren!”, ruft der Streckensprecher. Stimmt, bei mir auch: Handgestoppt exakt 3:30:00, eine Punktlandung, die das spätere Checken der Chip-Time sogar noch auf eine 3:29:59 veredelt. Genau darauf war mein Trainingsplan abgestimmt! Wer zweifelt jetzt noch an der Genialität von Klemmbrett-Karraß?

Wem soll ich denn nun sagen, dass wir gesiegt haben? Die Kenianer haben es bestimmt schon verpetzt – alle sehen aus, als wüßten sie es bereits. Ich bewundere ausnahmslos jeden, der das hier geschafft hat. Wie in Trance lasse ich mich durch den Hinterausgang der Halle geleiten, ein netter Helfer hängt mir die Medaille um, ein anderer die hauchdünne Warmhaltefolie, und danach bewege ich mich langsam zur Getränkeausgabe, zum Obststand, zur Rolltreppe in die erste Ebene der Messe, zur Kleidersackausgabe.

3/4 meines Fanclubs...
Nachdem nun das Adrenalin langsam aus meinem Stoffwechsel entschwindet und die Milchsäure, in Läuferkreisen als Laktat bekannt, dieses fiese Endprodukt des anaeroben Stoffwechsels, seinen Platz scheinbar mühelos einnimmt, tut mir einfach nur noch alles weh. Zum Glück treffe ich jetzt Doris und die Kinder, die wie ich froh sind, dass wir uns endlich sehen. Kurz danach treffen wir auch noch Frank Sehn und seine Frau Kety. Frank hat mal wieder mit 2:53:48 eine Wahnsinnszeit hingelegt, nur fünf Wochen nach seiner Superzeit von 2:48:08 in Berlin. Wahnsehn. Meiner Familie ringe ich danach noch die Erlaubnis einer Massage nach der Dusche ab. Auf dem Weg dorthin treffe ich auch noch Jörg Maas, der ebenfalls in tollen 3:25:52 seinen ersten Marathon gefinisht hat. Wir beglückwünschen uns enthusiastisch. Nothing like the first time. Die Dusche und die Massage geniesse ich trotz Pein. Danach geht’s mit der Familie schnell nochmal auf die Marathon-Mall zum Polar-Stand, dort gibt’s noch Schokolade von Beate für die Kids und von mir für sie einen herzlichen Glückwunsch zu den 3:36:25. Dann ab nach Buchschlag und mit dem Auto nach Hause.


The Day After

Was soll ich sagen? Der Schmerz geht, der Stolz bleibt, so las ich es jedenfalls auf einem Läufershirt im Feld, und so geht es mir auch. Das Laktat verschwindet langsam aus meinen Muskeln. Die Gratulationen der Kollegen tun gut, die Arbeit hat einen schnell wieder, mittags geniesse ich das Schnitzel mit meinem Freund Peter, abends die Aufzeichung des HR, bei der mich meine Kinder sogar im Feld kurz nach dem Start entdecken. 5 Sekunden Ruhm – was will man mehr?


Fazit

Das erste, aber sicher nicht das letzte Mal. Einen Marathon zu laufen, ist das Überschreiten von neuen Grenzen. Einfach nur toll. Und die gewonnenen Erfahrungen werden mir bei meinem nächsten Start, aller Voraussicht nach am 02.05.10 in St. Wendel, sicher von Nutzen sein. Ich danke allen, die mir auf dem Weg zum ersten Marathon geholfen haben – und das sind ‘ne Menge Menschen. Ein paar Namen? Bitte, aber ohne Anspruch auf Rangfolge (außer der ersten): Doris, Berthold, Jörg, Annabelle, Frank, Jan-Robin, Angelika, Johannes, Amelie, Achim, Jens und viele mehr. Ihr wisst alle schon, wer gemeint ist. Merci beaucoup!

Als nächstes stehen ein paar 10er an, ich denke, besser als 48:32 sollte ich beim nächsten Silvesterlauf sein. Mark, Holger, zieht Euch warm an am 27.12.09. Ich hab schon gemeldet!

Nachtrag: Beim Silvesterlauf am 27.12.09 lief ich dann tatsächlich 42:00 und kam sogar unter die ersten 100 (97., 20. M40). Den Mark konnte ich dabei 17 Sekunden hinter mir lassen, aber Holger, das alte Kampfschwein, hat mit 40:37 superstark gefinisht und wurde sogar 68. (13. M40). Ein schöner Abschluss eines tollen Laufjahres!