Sonntag, 30. Oktober 2016

Nach zwei Monaten endlich wieder Rennrad





Das hat richtig Spaß gemacht! Nach über zwei Monaten und das erste Mal seit drei Monaten, ohne dass ich eine Marathonvorbereitung im Kopf hatte, bin ich heute mal wieder auf dem grauen Roß ausgeritten.

Erster Test des neuen Vereinsdresses des SRC Schwarzenholz.
Ergebnis: Die Klamotten sind Spitze und sitzen perfekt!
Ich wollte es etwas ruhig angehen lassen und hatte mir deshalb nicht allzu viel vorgenommen. Zudem war es recht kühl (11°C) für meinen noch voll auf Spätsommer gepolten Körper, so dass ich mich auch gar nicht allzu weit weg traute.

Ich hatte gehört, dass die rückwärtige Zufahrt auf die Redender Alm jetzt durchgehend asphaltiert sei. Das wollte ich mal ausprobieren. Ansonsten wollte ich mir die Bliesterrassen mal an einem Sonntagnachmittag anschauen und nicht allzuviel Berge fahren.

Also ging's los erstmal auf die Spieser Höhe. Meinen Vorsatz mit den Bergen verletzte ich gleich mal zu Anfang: Zu sehr reizte mich die Aussicht auf eine schnelle Abfahrt die neu geteerte "Spieser Hohl" runter. Schneller als 75 km/h traute ich mich aber nicht.

Klasse nun auch für Rennräder: Der Weg hoch auf die Alm
Danach ging's wieder hoch über den Butterberg in Richtung Heinitz und dann über den Hoferkopf in Bildstock auf die Alm nach Landsweiler-Reden.

In der Tat: Wie man auf der Karte sieht, ist die rückwärtige Auffahrt vom Brönnchesthalweiher aus nun auch für Rennräder perfekt geteert und bietet eine schöne Alternative zur Hauptauffahrt - das sollte auch die Probleme der Erreichbarkeit der Alm für Rennradfahrer innerhalb der "Sommeralm-Woche", wo der Weg auf der Landsweiler Seite ja bedauerlicherweise exclusiv den Trolli-Bussen vorbehalten ist, beenden.

Nun, außerhalb dieser Zeit kann man aber auch vorneherum auf- und abfahren, was ich auch tat, nachdem ich die wunderschönen Aussichten bei bestem Wetter ein wenig genossen hatte.

Panoramablick auf Neunkirchen von der Rückseite der Redener Halde
Panoramablick auf Landsweiler-Reden (mit provisorischer Almhütte - die ist toll!)
Über den Landsweiler Bahnhof und durch's Sinnerbachtal ging's dann in die Neunkircher City.

Die Bliesterrassen in der Herbstsonne
Die Bliesterrassen waren entgegen der pessimistischen Voraussagen, die sich besonders innerhalb der sozialen Netzwerke hartnäckig halten, von Einheimischen und Neubürgern jungen und hohen Alters gleichmäßig und harmonisch belegt und genutzt.

Es war eine Freude, zu sehen, wie dieses neue Schmuckstück innerhalb unserer Innenstadt angenommen wird. Und das wird sich sicher weiter verbessern, wenn wir 2017 auf der anderen Bliesseite weitermachen!

Über den Bliestalradweg fuhr ich dann nach Wellesweiler und über den Ochsenwald und Niederbexbach nach Kohlhof, Furpach, die Scheib und die Herrmannstraße wieder nach Hause.

Der Furpacher Weiher mit Fontäne
Etwas mehr als anderthalb Stunden hatte meine erste Ausfahrt gedauert - und Lust auf mehr gemacht.

Ich hoffe auf einige schöne und freie Wochenenden besonders im Dezember - vielleicht mach ich mich dieses Jahr wieder an die Festive 500. Mal sehen...

Samstag, 29. Oktober 2016

Morgenlauf Steinwald




Der Formabbau schreitet voran - aber das ist normal, und auch gut so. Es gibt im Sport nunmal keine Leistungskurve, die immer und unablässig nach oben geht - wie im richtigen Leben besteht auch das Sportlerleben aus einem ständigen Auf und Ab. Denn während im Moment meine Form nach unten rauscht (oder "gleitet", wenn man's positiv formuliert), erholt sich mein Körper - und das ist wichtig!

So gut einem eine Marathonvorbereitung für die Fitness und das Wohlbefinden tut - der Lauf selbst ist schon Raubbau am Körper und eigentlich nicht gesund, vor allem, wenn man an seine Leistungsgrenze geht. Da ist Erholung danach unbedingt vonnöten.

Aber gut, ich bin auf der einen Seite in Chicago auch nicht an meine absolute Leistungsgrenze gegangen, sondern bin so gelaufen, wie es nötig war, um unter drei Stunden zu bleiben. Das merkte ich vor allem daran, dass ich schon am nächsten Tag eigentlich wieder hätte laufen können (was ich auch am übernächsten tat) und keinerlei größere Ermüdungs- oder Schmerzgefühle hatte. Auf der anderen Seite hab ich aber auch nicht direkt danach mit der Regeneration angefangen - sowohl in Chicago wie auch später in New York gab es einfach viel zu viele (nicht wiederkehrende!) Gelegenheiten zu schönen und erlebnisreichen Läufen, die ich auch, noch voller Adrenalin, nicht gerade langsam anging.

Der Blick nach draußen nach dem Lauf: Kalt und bewölkt
Im Großen und Ganzen hab ich mich aber daran gehalten, was Herbert Steffny so empfiehlt.

Heute hatte ich, zwei Tage nach dem Lauf mit Christoph Gill und zum zweiten Mal in einer Woche nach der Heimkehr aus den USA, mal wieder Lust zu laufen, also machte ich mich auf zu einer kleinen Runde (knapp acht Kilometer) durch meine Heimatstadt, entlang des Wagwiesentals, durch den Steinwald und über die Scheib.

Ich merkte schon die nachlassende Form, insbesondere dann, wenn's bergauf ging. Außerdem ist wohl eine leichte Erkältung im Anzug. Ich kenne das aus meinen früheren Marathons: Erkältungskrankheiten "melden" sich oft in den Wochen danach und fordern ihr Recht, gehen dann aber auch schnell vorbei.

Wie auch immer: Nach einer knappen Dreiviertelstunde war ich wieder zuhause und zufrieden mit mir. Morgen wird auch mal 'ne Runde Rad gefahren, dann ist aber erst mal wieder Pause: Der Terminplan der kommenden Woche einschließlich des Wochenendes ist randvoll...




Donnerstag, 27. Oktober 2016

Zusammen-zehn-Majors-Sub3-Team-Lauf mit Christoph Gill




Nach sechs Tagen Laufpause schnallte ich heute erstmals wieder die Schuhe. Der Anlass war ein besonderer: Ich war mit Christoph Gill verabredet, Arzt aus Berlin mit Saarbrücker Wurzeln, der auf Heimaturlaub war und bereits alle sechs Major-Marathons unter drei Stunden absolviert hat - als erster Deutscher!

Mein Ziel ist es, der zweite zu werden, dem das gelingt. Und da muss man natürlich lernen von einem, der das schon geschafft hat. So liefen wir von Heinitz aus im wesentlichen auf der Strecke des Zwölf-Weiher-Wegs eine schöne, und dafür, dass wir uns die ganze Zeit unterhielten, sogar recht schnelle Runde.

Danach trafen wir uns mit SZ-Redakteur Marc Prams noch auf einen Kaffee. Heraus kam dabei das hier.

Saarbrücker Zeitung vom 03.11.2016 (Regionalausgabe Neunkirchen)


Ich merkte aber schon, dass die Rekonvaleszenz begonnen hat. Relativ hohe Pulswerte, und danach war ich auch ziemlich fertig. Aber egal, es hat sich gelohnt. War ein sehr schöner Lauf, und Christoph ist ein richtig toller Sportkamerad. Nächstes Jahr laufen wir zusammen in Hamburg - das ist schon beschlossene Sache!




Freitag, 21. Oktober 2016

Abschied von New York City - ein letztes Mal Central Park





Goodbye, New York City!


Morgens ist der Central Park am schönsten...


Imagine - Mosaik in den Strawberry Fields
Bereits um 06.45 Uhr lief ich heute, an unserem letzten Tag in New York City, los, weil das Wetter noch schön, aber der Regen für den späten Vormittag bereits angekündigt war. Leider zeichnete meine Garmin-Uhr die ersten 2,6 km nicht auf - ich lief die 76. Straße in Richtung Central Park, dann die Central Park West (8th Avenue) runter in Richtung Parkeingang an der 72. Straße - vorbei am San Remo und dem Dakota-Building, zwei der berühmtesten und auch wohl teuersten Wohnadressen in Manhattan.

Danach bog ich in den Park ein und lief gleich wieder nördlich auf Nebenwegen (u.a. dem Bridle Path) bis zum West Drive und den dann wieder runter bis zu den Strawberry Fields, wo ich eigentlich immer langlaufe, wenn ich in New York bin - als bekennender Beatles- und John Lennon-Fan eine Selbstverständlichkeit. Erst ab da beginnt die Aufzeichnung oben auf der Karte - schade.
Zielbereich des NYC-Marathons

Weiter ging's über den West Drive nach Süden, vorbei an der Tavern on the Green, dem Marathon-Ziel - hier wurden schon die Tribünen aufgebaut für das Rennen am 08.11.2016. Seit 2014 ist da doch wieder, wie schon von 1994 bis 2009, ein Restaurant drin - zwischendurch war's ein Touristenshop.

Ich verließ kurz darauf die Marathonstrecke und lief weiter auf dem West Drive, der dann seinen Namen in Central Park Drive und schließlich in East Drive ändert - an der Stelle, wo die Marathonstrecke, vom East Drive aus Norden kommend, links auf die Weiterführung des East Drive vorbei am Central Park Zoo Richtung Süden führt.

The Mall mit dem Blick auf den "Engel über den Gewässern"
Ich lief noch ein Stück nach Norden, bis zur 72nd-Street-Traverse, und diese dann Richtung Westen, vorbei an "The Mall", wo schon viele Filmszenen gedreht wurden, eine der berühmtesten die Entführungsszene in "Ransom" mit Mel Gibson, Rene Russo und Gary Sinise. Dann lief ich runter an den See und überquerte wie schon öfter die berühmte Bow Bridge.

Anschließend ging's auf und ab durch "The Ramble" und dann vorbei am Great Lawn und dem Arthur Ross Piketum hin zum Reservoir, das ich einmal fast ganz umrundete (ein Teil des Wegs war gesperrt) und dann noch einen kurzen Schlenker nach Norden machte, hin zu den Tennisplätzen, wobei ich wieder in der Nähe des Reservoirs vorbeilief.

Rocky, the racoon
Dort hatte ich eine sehr interessante Begegnung, wie man auf dem Bild sieht...

Ich lief noch ein wenig umher, machte mich dann aber auf den Heimweg in Richtung West Side hin zum Museum of Natural History.

Es hieß für diesmal also Abschied nehmen vom Central Park, meinem mit Abstand liebsten Laufrevier in Manhattan. Hier kann man wirklich dauernd laufen gehen, ohne dass es jemals langweilig wird. Eins ist aber sicher: Hier war ich nicht zum letzten Mal!

Ich "belohnte" mich für meine Leistung mit einem superleckeren Kaffee im Maison Kayser an der Ecke Broadway/76th Street.

Nach dem gemeinsamen Frühstück mit der Familie und unseren Freunden Ken und Vera verbrachten wir noch einen schönen letzten Tag in Manhattan, ehe es abends zum Flughafen und zurück nach Deutschland ging.


Panoramablick vom Nordrand des Reservoirs in Richtung Süden









Mittwoch, 19. Oktober 2016

There and back again - The George Washington Bridge





Atemberaubende Aussichten



Einmal New Jersey und zurück!



Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Bereits gestern wollte ich über die George-Washington-Brücke laufen, und zwar früh morgens, um den Sonnenaufgang genießen zu können. Das klappte nicht so ganz, weil ich die falsche U-Bahn-nahm, aber heute bei gleich herrlichem Wetter stieg ich kurz vor Sonnenaufgang aus der U-Bahn-Station in der 168. Straße ans Tageslicht und lief den Broadway rauf Richtung Brücke.

Blick in der Mitte der Brücke über
den Fahrstreifen nach Norden
Die George-Washington-Brücke ist eine Hängebrücke über den Hudson River, die Manhattan mit New Jersey verbindet. Die Straßenbrücke mit insgesamt vierzehn Fahrspuren gilt als die meistbefahrene Brücke der Welt. Sie ist nach George Washington, dem ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten, benannt. Bei ihrer Eröffnung im Jahre 1931 hatte die von Othmar Ammann geplante und gebaute Brücke die größte Spannweite der Welt. Ihre Gesamtlänge beträgt 1451 m (4760 ft), gemessen von einer Verankerung der Tragseile zur anderen. Da die Brücke die Gebiete oberhalb der hohen Steilufer des Hudson River verbindet, waren keine langen Zufahrtsrampen erforderlich und die Fahrbahn auf der Brücke konnte relativ flach gehalten werden. Die kurzen Brückenfelder zwischen den Ufern und den Pylonen (192 m für die New Yorker Seite und 186 m für die New Jersey Seite) erklären, dass die Tragseile außerhalb der Pylone ungewöhnlich steil zu ihren Verankerungen abfallen. Die Brücke hat eine lichte Höhe über dem mittleren Hochwasser des Hudson River von 64,6 m (Quelle: Wikipedia).

Ein richtiger "Wow!"-Moment: Sonnenaufgang
über der George Washington Bridge
Manhattan macht hier oben einen extrem wohlhabenden und feinen Eindruck. Schöne, gepflegte Häuserfassaden, geschäftiges Treiben schon um kurz nach sieben in der Früh, ich bog in die 175. Straße ein und stand kurz davor an der Brücke. Es dauerte ein wenig, bis ich den Nordeingang zum Fußgängerweg gefunden hatte, aber der war dann auch gleich mal abgesperrt, also wieder zurück und den Südeingang gesucht, den ich kurz danach auch fand.

So kam ich noch rechtzeitig vor dem Sonnenaufgang auf die Brücke. Nach kurzer Zeit der erste Blick zurück - atemberaubend!

So beeindruckend bereits die ersten Blicke über den mächtigen Hudson, das imposante Bauwerk selbst, die südlich von mir erkennbare Manhattan-Landzunge und die goldgelb schimmernden Felsen auf der New-Jersey-Seite, die die Sonne bereits küsste, waren - als sie hinter mir aufging und sichtbar wurde, war ich richtig platt!

Kurz vor der ersten Aussichtsplattform
Das mit dem "meistbefahren" schien mir schlüssig - Auto an Auto, viel Gehupe, stockender Verkehr. Kein Wunder - war halt "Rush Hour". Auf dem Fuß- und Radweg war nicht viel weniger los. Vor allem Radfahrer nutzen die Brücke intensiv, und es schienen mir alles routinierte, geübte und vor allem schnelle Nutzer zu sein. Da musste man schon vorsichtig laufen.

Auch wenn an den Umläufen der Pfeiler Hinweisschilder standen, wonach Fußgängern Vorrang einzuräumen sei, verlässt man sich als solcher darauf besser nicht - die Ideallinie wird dort von der Radfraktion gnadenlos gesucht und ausgenutzt!

Ich lief, von dem Gigantismus der Brücke, des Hudson und der Weite wie euphorisiert in Richtung New Jersey,  wie es nach der Brücke gleich links in den Palisades Interstate Park bzw. den Fort Lee Historic Park ging. Dort läuft man erstmal bergan und dann durch einen kleinen Wald, ehe man die verschiedenen Aussichtsplattformen erreicht, von denen aus sich wirklich beeindruckende Panoramen eröffnen.

Sonnenaufgang, Hudson, Brücke, Manhattan: Grandios!
Ich bekam den Mund nicht zu. Die Sonne war gerade erst soweit aufgegangen, dass sie in voller Größe zu sehen war: Wie ein Feuerball stand sie am Himmel und von Minute zu Minute wurde der Blick klarer, man konnte kilometerweit nach Norden und nach Süden schauen, von der Freiheitsstatue im Süden bis Yonkers im Norden.

Why so serious?
Ich genoss die Aussichten und war einfach nur glücklich. Ich hatte es mir schön vorgestellt, aber nicht so schön.

Schließlich raffte ich mich auf und machte mich auf den Rückweg, durch den Park zurück in Richtung Brücke.

Da erst fiel mir das riesige Gebäude an der Straßenecke auf: Das war das Farbenlager und die Werkstatt der Brückenmaler. Die Brücke wird ständig gestrichen, das ganze Jahr. Kein Wunder bei so einem gigantischen Bauwerk.

Auf dem Rückweg gab ich dann mal so richtig Gas, weil ich es wollte, und weil ich es auch konnte.

Manhattan im Hintergrund
Ich wusste, dass man ja eigentlich nach einem Marathon wochenlang kein hartes Tempotraining machen soll.

Aber ich hatte einfach Riesenlust und beschleunigte immer weiter bis auf ein Tempo von 3:40/km, die gesamte Brücke lief ich in 6:26, das ist ein Tempo von 3:50/km im Schnitt, immerhin gut für Platz 11 von 1102 Strava-Leistungen.

Der Rest war Auslaufen bis zur U-Bahn-Station an der 175. Straße.

Den Lauf über die George-Washington-Brücke kann ich nur jedem empfehlen, der in New York ist und echt laufend was erleben will. Ein absolutes Erlebnis, vor allem zum Sonnenaufgang!



Dienstag, 18. Oktober 2016

New York City Marathon - Homestretch (km 35 - Finish)



Kurz und knackig - der Homestretch des NYC-Marathons 



Am Südende des Marcus Garvey Parks
Heute morgen wollte ich eigentlich mit der "Red Line" der New Yorker Subway zur 168. Straße hoch und über die George Washington Bridge nach New Jersey laufen, um von dort aus die Sonne über Manhattan aufgehen zu sehen. Das ungewöhnlich warme Sommerwetter lud dazu geradezu ein.

Aber irgendwie geriet ich in die falsche U-Bahn und war plötzlich mitten in Harlem in der Nähe der 5th Avenue, so dass ich kurzfristig umplante:

2013 war ich den New York Marathon gelaufen, und der "Homestretch", also die letzten fünf bis sieben Kilometer, waren mir noch in guter Erinnerung. Da hatte ich nämlich mein Zwischentief zwischen km 30 und 35 überwunden und war mir trotz der Schmerzen im linken Fuß sicher, anzukommen und die Drei-Stunden-Marke zu knacken - was mir auch gelang.

"Harlem Meer" an der nordöstlichen Ecke des Central Parks
In der Erinnerung daran lief ich eben jene etwas über sieben Kilometer nochmal, halt auf dem Bürgersteig statt der Straße, wo das nicht ging, aber ansonsten genau gleich: Direkt zu Anfang umlief ich den Marcus Garvey Park auf dem Mount Morris Park Way und dann ging's die 5th Avenue runter in Richtung Central Park.

Der Park im Herzen von Harlem ist nach dem jamaikanischen Politiker und Publizist Marcus Garvey, der als radikaler Panafrikanist und Gründer der Universal Negro Improvement Association (UNIA) bekannt wurde, benannt (er heißt aber auch schon länger und immer noch Mount Morris Park). 1914 gründete er die UNIA, eine schwarze Massenorganisation, die mit Uniformen und Aufmärschen auf sich aufmerksam machte und eine Auswanderung aller Schwarzen nach Afrika propagierte (sie zählte zeitweise nach eigenen Angaben vier Millionen Mitglieder, 1920 sprach Garvey im Madison Square Garden zu 25.000 Delegierten aus der ganzen Welt). Zu diesem Zweck gründete Garvey eine Schifffahrtsgesellschaft, die Black Star Line. Garvey lehnte jede Zusammenarbeit mit den Weißen ab und strebte nach Rassentrennung. Dabei kooperierte er sogar mit dem Ku-Klux-Klan, weil ihm „offene Feinde der Schwarzen lieber seien als vermeintliche Freunde“.

In den 1920er Jahren wurde Garvey die Prophezeiung der Krönung eines schwarzen Königs in Afrika, der die Befreiung der Schwarzen bringen würde, zugeschrieben. Damit trug er wesentlich zur Entstehung der Rastafari-Bewegung in seiner jamaikanischen Heimat bei. Eine interessante Persönlichkeit, aber sicher kein Friedensfürst. In Harlem stand die Unity Hall des UNIA, dort wirkte Garvey lange (Quelle für alles obige: Wikipedia).

Eingang in den Park an der 93. Straße
Tempomäßig hielt ich zunächst noch ein wenig den Daumen drauf. Aber als ich dann im Central Park war (er beginnt an der 110. Straße, an der 93. Straße ist der Eingang), reizte es mich doch, und ich rannte einen Kilometer so richtig mit Maximalpuls 163 in einer Zeit unter vier Minuten. Ansonsten genoss ich den Park, der schon voller Läufer und Radfahrer war. Im Central Park ist, sobald die Sonne aufgeht, immer was los.

Gut war, dass ich auf dem East Drive blieb - abseits der Hauptwege dürfen nämlich zu so früher Stunde die Hunde noch frei laufen, und das war mir an mancher Stelle doch ein wenig zu heiß.

Am "Pond" im Süden des Parks bauten sie schon die Eislaufbahn auf - und heute sollten es 30° C werden!

Vorne der Columbus Circle - Beginn des letzten Kilometers!
Dann war ich auch schon auf der 59th Street und lief westwärts in Richtung Columbus Circle. Überall konnte man schon die Aufbauarbeiten für den New York Marathon am 08.11. beobachten!

Der letzte Kilometer rief wahre Glücksgefühle in mir hervor. Es war, als könnte ich den Film vom 03.11.2013 in meinem Kopf abspielen. Ich lief Richtung Tavern on the Green und über die damalige Ziellinie und blieb noch einige Minuten, ehe ich langsam nach Hause ging und die Atmosphäre noch ein wenig einsog.

Später lief ich mich dann doch noch aus und startete so frohgemut in einen weiteren, wunderschönen Tag in New York!

Montag, 17. Oktober 2016

Riverside Park und Hudson River




Endlich zurück in der Stadt, die niemals schläft!



Gleich Montagsmorgens musste ich wieder auf die Strecke...


Nach 2012, 2013 und 2015 war das nun mein vierter NYC-Aufenthalt in den letzten fünf Jahren, und mittlerweile kenne ich die Stadt ganz gut. Für Läufer ist sie ein Eldorado: Nicht nur der Central Park, sondern viele andere, manchmal kleinere, aber ebenso reizvolle Parkanlagen sowie die Ufer von Hudson und East River bieten hervorragende Möglichkeiten zum Laufen.

Unser "Brownstone"-Haus in der 76. Straße
Während unsere Töchter bei Freunden in der 81. Straße unterkamen, hatten meine Frau und ich uns eine airbnb-Wohnung in der 76. Straße angemietet - Fußweg zwischen beiden Appartements gerade mal 500 Meter. So konnten wir alles zusammen unternehmen, es sollte eine tolle Woche werden.

Zum Laufstart war unsere Wohnung ideal: Nach bereits 50 Metern war man am Eingang des Riverside-Parks und nach 700 Metern am Hudson River. Von dort lief ich nordwärts, total locker, aber eben auch total schnell: 4:45/km im Schnitt ohne jede Anstrengung - vor drei Monaten noch unvorstellbar. Das zeigte mir, dass mein Formaufbau für den Chicago-Marathon offenbar genau richtig war. Die gute Form wirkte noch nach, und es fiel mir schwer, mich zurückzuhalten, obwohl eigentlich genau das nun das richtige wäre, um dem Körper nach dem Marathon die Chance zur Erholung zu geben.

Gut, manchmal müssen halt emotionale Entscheidungen die vernünftigen verdrängen: Für die zwei, drei Läufe, die ich in New York noch würde machen können, entschied ich mich, so zu laufen, dass es mir Spaß machte, ohne mich völlig zu verausgaben. Nach der Heimkehr bleibt noch genug Zeit zur Erholung!

Den Hudson hoch - hinten die George Washington Bridge
So kam ich nach bereits knapp 24 Minuten am nördlichsten Punkt meines Laufs, die 125. Straße am Nordende des Riverside Parks, an.

Der Riverside Park ist eine 108 Hektar große öffentliche Parkanlage am Ostufer des Hudson River in Manhattan, er wird vom New York City Department of Parks and Recreation verwaltet und besteht aus einem schmalen Landstreifen, der sich über eine Länge von 6 Kilometern am Flussufer hinzieht.

Das ursprünglich 77 Hektar große Gebiet des Parks (von der 72. bis 125. Straße) war Brachland, das im Zusammenhang mit dem Bau der Hudson River Railroad, einer geplanten Eisenbahnstrecke im Jahre 1846 entstanden war.

In den Jahren 1875 bis 1910 legten Architekten und Gartenbauer wie Calvert Vaux und Samuel Parsons den Park nach dem Vorbild eines englischen Gartens an. Hier nisten übrigens unzählige Rotmilane, die man von den Dächern der West Side beim Flug beobachten kann - wunderschön!

Grant's Tomb auf Höhe der 122. Straße
Nach dem Erklimmen der Treppenanlage in Richtung Grant's Tomb, der Grabstätte des 18. Präsidenten der USA Ulysses S. Grant und seiner Frau Julia, passierte ich selbige und lief durch den Park bzw. an seinen Außengrenzen entlang wieder in Richtung Süden.

Ab dort verläuft der Park in drei Etagen: Am höchsten der Straßenzug des Riverside Drives, in der Mitte, mal oben, mal unten, der linke Weg durch den Park und unten, auf dem Straßenniveau des Henry Hudson Parkways, einer Schnellstraße, verläuft eine langgezogene Gerade. So kann man in dem Park nicht nur Ausdauerläufe bestens trainieren, sondern auch Höhenmeter sammeln.

Nach knapp 50 Minuten war ich wieder zuhause. Ein schöner Auftakt in die New-York-Laufwoche!



Freitag, 14. Oktober 2016

Soldier Field und Columbus Drive

Soldier Field und Columbus Drive





Goodbye Chicago!

Nochmal entlang der "Küste" und den Columbus Drive runter

 

Mein (vorerst!) letzter Lauf in Chicago führte mich nochmal südlich - kurz vor Sonnenaufgang lief ich los, entlang des Lakefront Trails nach Süden - wenn auch nur zu einem kleinen Teil:

Lake Point Tower und Navy Pier beim Sonnenaufgang
Der gesamte Chicago Lakefront Trail (abgekürzt LFT) ist ein 29 km langer Lauf- und Radweg entlang des Ufers des Lake Michigan, er verbindet einige Strände und Erholungszentren entlang des Seeufers und dient auch als "Radautobahn" für viele Menschen, die die Stadt vertikal mit dem Rad durchqueren.

Er bleibt innerhalb der Stadtgrenzen und geht von der 7100 South/2560 East bis zur 5800 North/1000 West.Von Norden nach Süden führt er durch folgende Parks: Lincoln Park, Grant Park, Burnham Park, und Jackson Park.

Es gibt nur wenige Unterbrechungen, diese sind aber nicht ungefährlich. Ich blieb hingegen komplett im "sicheren Bereich" - neben der aufgehenden Sonne herlaufend passierte ich den Navy Pier, vorbei am Lake Point Tower und lief am Hafen entlang in Richtung "Museum Campus".

Der Chicago Harbour in der aufgehenden Sonne
Der Lake Point Tower ist eine interessante Landmarke - das einzige Hochhaus der ganzen Stadt, das östlich des Lake Shore Drives steht. Möglich machte dies den Erbauern John Heinrich und George Schipporeit, beide Schüler des genialen Bauhaus-Architekten Mies van der Rohe, das geschickte Ausnutzen einer Gesetzeslücke: Ein Gesetz verbot den Bau von Hochhäusern auf Boden östlich des Lake Shore Drives, um die Küste zu schonen und nicht zu verbauen.

Aber - haha! - das Haus wurde auf nicht natürlich entstandenem Boden, sondern auf einer Aufschüttung gebaut - daher fand das Gesetz keine Anwendung, und die Stadt musste den Bau zulassen. Danach wurde das Gesetz geändert (heute: 1973 Lakefront Protection Ordinance), so dass es das einzige solche Gebäude bleiben wird.

Schattenselfie am Lakefront Trail
So hat es uns jedenfalls der Fremdenführer auf der Bootstour über den Chicago River erklärt. Schöne Story, könnte aber auch einen Räuberpistole sein.

Am Museum Campus lief ich ums Shedd Aquarium und das Adler Planetarium herum bis ans Ende des Wegs auf dem "Northern Island", dann über die Wiese in Richtung Burnham Park Yacht Club und von dort in Richtung Soldier Field.

 Nachdem ich dort vergeblich eine Unterführung suchte, ging's vorbei am Field Museum zurück zum Columbus Drive, der Start wie Ziel des Marathons ist. Ich lief ihn nochmal runter, da kamen ganz frische Erinnerungen hoch - herrlich!

Die Skyline vom Adler Planetarium aus betrachtet
Besonders der Startbereich zwischen dem Butler Field, Teil des Grant Parks, und dem Art Institute of Chicago war für mich ein ganz besonderer Streckenteil.

Jetzt erst fiel mir die wunderschön geschwungene Fußgängerbrücke auf, wie fast alles in Chicago von privater Hand zumindest cofinanziert und entsprechend benamt: Über die BP Pedestrian Bridge gelangt man vom Millennium Park zur nordöstlichen Ecke des Grant Park zum Maggie Daley Park.

Die Sehenswürdigkeiten hier sind: Gärten, Sommer- und Winter-Eislaufbahnen, Tennisplätze, Schachtische, Kletterwände und ganz viele Spielplätze - ein wunderschöner Erlebnispark für die Bürger der Stadt, benannt nach der 2011 verstorbenen Ehefrau des ehemaligen Bürgermeisters Richard J. Daley (1902 – 1976).

Die BP Pedestrian Bridge am South Columbus Drive
Ich lief nochmals unter der Unterführung durch, die ca. 500m lang ist und von der Randolph Street bis zum Lower Wacker Drive führt - hier sieht man aber auch das "andere" Chicago, das nicht so sehr glitzert und blinkt: Mindestens 50 Obdachlose schliefen entlang der Abtrennung von der Straße auf der Fußgängerseite.

Danach ging's über den Chicago River und auf den letzten Kilometer vorbei am Sheraton Chicago und dem NBC Tower, ehe der Columbus Drive in den North Fairbanks Court übergeht, den ich dann komplett durchlief bis zur Chicago Avenue und die letzten Meter durch den North DeWitt Place bis hin zu unserer Unterkunft zurücklegte.

Mittlerweile war die Sonne richtig schön aufgegangen und schien über Chicago. Es war toll in dieser Stadt, und wir werden bestimmt wiederkommen - hier gibt es noch so viel zu sehen, was wir noch nicht mal ansatzweise geniessen konnten:

Come on, Baby don't you wanna go, back to that same old place, sweet home Chicago!










Mittwoch, 12. Oktober 2016

Lakefront Trail und Lincoln Park

Lakefront Trail und Lincoln Park







Erster Post-Marathon-Lauf


Nach zwei Tagen Pause wollten die Beine einfach wieder


Der North Pond im Lincoln Park
Das hat nicht lange gedauert - Montag hatte ich noch ein bisschen Muskelkater und die Füße taten weh, aber gegen Abend war das schon viel besser und so freute ich mich - nach einem weiteren Tag Pause zur Sicherheit - auf den ersten Lauf nach dem Marathon, den ich dann am Mittwochmorgen anging.

Es ging gleich in Richtung Lakefront Trail und dann hoch zum Lincoln Park. Ich lies einfach laufen, und war erstaunt, dass ich mit einem 4:45er-Schnitt unterwegs war - ohne mich großartig anzustrengen.

Das ist ein ermutigendes Zeichen bezüglich meiner Gesamtkonstitution so kurz nach dem Marathon. Letztes Jahr in Boston war es ähnlich!

Der Blick vom Ladefront Trail auf die City ist herrlich!
Zur Szenerie gibt's nicht viel zu sagen - es war einfach traumhaft. Zunächst 2-3 km am Strand entlang, dann durch einen wunderschönen Park, den ich aber mittlerweile schon kannte - nach nur 15 Minuten war ich am Eingang des Zoos, den ich auch während des Marathons passiert hatte und wo ich erst am Tag davor zu Besuch gewesen war.

Danach ging's in den Norden des Parks und entlang des Ladefront Trails wieder zurück. Zehn wunderschöne Kilometer. Das waren sicher nicht meine letzten in Chicago! Danach fühlte ich mich frisch und erholt, die Beine waren locker und schmerzfrei. Lag mit Sicherheit auch an der tollen Strecke!

Sonntag, 9. Oktober 2016

#chicago2016 Chicago-Marathon

#chicago2016 Chicago-Marathon








Ein gutes Pferd springt immer nur so hoch, wie es muss - auch in Chicago!


Minimalismus oder Maßarbeit? Oder beides? Egal! Hauptsache Sub3!



Am 1. August begann ich, mit nur knapp 450 km Laufkilometern im ganzen Jahr und fast keinen seit Mai, meine Vorbereitung auf den Chicago-Marathon. Die Voraussetzungen waren also nicht die besten. Von Beginn an hatte ich Probleme bei Tempoläufen, kein Wunder bei so wenig Grundlage, aber blieb zum Glück verletzungsfrei, hatte eine gute Grundlagenausdauer vom Radfahren und konnte in den letzten Wochen die Geschwindigkeitsdefizite zumindest erheblich reduzieren, so dass ich optimistisch nach Chicago reiste.

Praktischerweise begannen am Freitag die Herbstferien, so konnten meine Frau und meine beiden Töchter mich begleiten. Moralische Unterstützung bei so einem Marathon ist mit Geld nicht zu bezahlen - auch hier sollte sich noch zeigen, wie wertvoll sie ist...

Wir kamen am Freitag gegen 22.30 Uhr in unserem Hotel an, da war's in Deutschland schon 05.30 Uhr am nächsten Morgen. Diesmal machte mir der Jetlag mehr zu schaffen als sonst, sowohl am Samstag wie auch am Wettkampftag konnte ich den Zeitunterschied nicht einfach so aus den Kleidern schütteln.

Auf der Marathonmesse 
Samstag ging's auf die Marathonmesse, Startnummer und Gimmicks abholen, Infos einsammeln, Leute kennenlernen - mittlerweile ist das schon sowas wie Routine. Ansonsten genossen wir den schönen Tag in der "Windy City", aber mit gebremstem Schaum - schließlich sollte ich Sonntag morgen fit sein.

Der Wecker klingelte um 05.15 Uhr, aber ich war eigentlich schon vorher wach. Geschlafen hatte ich leider nicht sehr viel bzw. gut, aber egal: Ich frühstückte reichlich und gut wie immer vor einem Marathonlauf, zog mich fertig an, plus Malerjacke, die ich mir am Vortag für ein paar Dollar gekauft hatte, und marschierte gegen 06.00 Uhr los in Richtung Start. Meine Familie schlief noch, sie wollten mich bei Meile vier und später nochmal anfeuern, hatten dafür aber noch Zeit.

Auf dem Weg zum Start traf ich mehrere Läufer, u.a. eine junge Frau aus Ohio und einen älteren Kollegen aus Arizona, wir quatschten und verkürzten uns so den ca. 2,5 km langen Marsch in den Grant Park. Dort trennten wir uns, jeder ging durch sein Gate bzw. in seinem Startcorall, und ich musste noch ca. 50 Minuten rumbringen, ehe es losging, was ich mit Gymnastik und einem kurzen Warmlaufen hinbekam.

Kurz nach dem Start - ich bin rechts hinten, unter dem "n"
des Wortes "Marathon"...
Quelle: http://espnharrisonburg.com/news/030030-oct-14
-2016-the-best-sports-shots-this-week/
(AP Photo/Nam Y. Huh)
Zum Wetter: Es war eigentlich fast perfekt - noch besser als vorhergesagt und vor allem nicht so kalt! Eigentlich waren 9-13°C "versprochen", aber real waren es schon am Start um 07.30 Uhr 11°C, und da war die Sonne noch nicht mal draußen. Ich hatte ein langärmliges Funktionsshirt an und spendete meine Einweg-Wärmejacke der jungen Kollegin Riki Allen aus Chicago, die erbärmlich fror (sie lief aber superstark und verpasste ein Sub3-Finish nur um 16 Sekunden). Schon kurz nach dem Start war mir auch das zu warm, und ich entledigte mich dessen während des Laufes und warf es meiner Familie zu, als die an Meile vier auf mich wartete - doch dazu später mehr...

Im Startcorall unterhielt ich mich mit Chris, der die 3-h-Gruppe pacen sollte (der Junge ist Mitte 30 und machte heute schon bei seinem 102. Marathon die Pace!), und dabei sprach mich Stephan Iris aus Kleinmachnow an, der beruflich in Chicago war und den Marathon auch in Richtung Sub3 angehen wollte. Wir entschieden uns, zusammen zu laufen, und wollten uns gegebenenfalls an die Pacegruppe anschließen.

Bei Meile 1: Love me, love me, love me...

Kilometer 1-5: Einrollen und auskleiden...

 

Der Startschuss ertönte pünktlich, wir überquerten ca. 20 sec. nach dem offiziellen Start die Linie und liefen von Beginn an schön gleichmäßig. Leider sponn der Garmin, der mit der direkt nach dem Start zu unterquerenden ca. 400m langen Unterführung nicht klarkam und mir daher einige hundert Meter Extra "aus dem Nichts" auf die Uhr zauberte. So war auch die Kilometerwarnung kaum zu gebrauchen, bestenfalls als Warnhinweis, dass man sich dem nächsten Kilometer näherte - ich hatte bereits nach 2 km angeblich 2,5 absolviert, und später kamen noch einige hundert Meter hinzu. Das ist halt eine große Schwäche des Geräts: Nicht nur in stark bewaldetem Gebiet, wo er gerne Strecke unterschlägt, schwächelt der Forerunner 620, sondern auch in großen Städten mit Häuserschluchten, nur dort halt umgekehrt - er zeichnet zuviel Strecke auf.

Aber das wußte ich vorher - ich ließ ohnehin nur die Gesamtzeit auf der Uhr anzeigen, und die Splits für 2:59:20 hatte ich im Kopf: 4:15/km. So liefen Stephan und ich auch zunächst mal, nachdem wir den Chicago River überquert hatten und nun durch die proppenvolle und von vielen begeisterten Zuschauern gesäumte Innenstadt rannten, genau diese Pace. Es ging über die Grand Avenue Richtung Westen, dann links nach Süden über die South State Street, und wieder über den Chicago River. Der Kurs war nicht einfach: Schlaglöcher und Bruchkanten gab's sogar in der Innenstadt zuhauf (später noch mehr), und die teilweise metallenen Laufflächen auf den Brücken waren an manchen Stellen mit Teppich abgedeckt, der aber wackelte und waberte, und da musste man richtig aufpassen.

Bei Kilometermarke sieben: Und weg das Ding!
Das Durchlaufen des "Loops", des Innenstadtbereichs von Chicago, sorgt aber gleich mal für ein Highlight-Feuerwerk auf den ersten Kilometern: Menschenmassen, Lärm, Stimmung, das motiviert ungemein.

Wir waren jetzt ungefähr auf Höhe des Starts, nur ein paar Straßen weiter westlich. Nun kam wieder eine 90°-Rechtskurve, dann ein Stück den West Jackson Boulevard und nochmal rechts auf die South Lasalle Street, dann ab nach Norden: Wir liefen nun am Anfang einer sehr langen Geraden zwischen km 4,5 und 8,5, an deren Ende der Lincoln-Park begann.

Kilometer 6-10: Tick, tack, tick, tack macht das Uhrwerk...

 

Stephan und ich waren exakt auf Pace für ein Sub3-Finish: 4:15, 8:30, 12:45, 17:00 usw. Zwischen km 5 und 6 entledigte ich mich dann auch, wie bereits erwähnt, meines viel zu warmen Funktionsshirts: Lauftrikot aus, Shirt aus, in die Hose gesteckt, Lauftrikot wieder an. Das klappte problemlos. Bei Kilometer sieben sah ich meine Mädels und warf ihnen das Shirt zu. Sie zu sehen, gab mir echt einen Schub. Auch Stephan war richtig neidisch: "Mit so 'nem Fanclub muss dat ja klappen!" meinte er lachend. Wir kamen prima voran, es tat gut, einen Kompagnon zu haben. Hatte ich beim Marathon ja eigentlich noch nie. Das wird sich vielleicht in Zukunft ändern! Bisher hatte ich ja immer ein bisschen Muffensausen davor, mit jemandem zusammen zu laufen, aber das machte wirklich Spaß und gab auch Sicherheit.

Wir waren jetzt aus der dem Bezirk "Near North" raus und kamen nach Lincoln Park, die Hochhäuser hatten in einer baumgesäumten Straße kleineren Gebäuden Platz gemacht, teilweise toller viktorianischer Stil, teilweise aber auch hässliche Funktionsbauten. Mir fiel auf, dass wir erst den Goethe Drive, dann den Schiller Drive kreuzten - Zeugnis der Tatsache, dass Chicago mit 190.000 Deutschstämmigen (das ist nach Polen mit 210.000 und Iren mit 191.000 die drittgrößte Gruppe) eine der größten Auswanderungsziele der deutschen Auswanderer ist. Nun ging's auf den North Stockton Drive durch den Lincoln Park, rechts von uns lag der Zoo (der übrigens keinen Eintritt kostet!), links der Lincoln District. Hier war die Straße nach der öden Geradeauslauferei auch mal ein bißchen gewunden, und es gab einige Kurven. Landschaftlich wunderschön!

Kilometer 11-15: Vorbei am Lake Michigan und dem nördlichsten Punkt...

 

Bei Kilometer zehn wechselten wir auf den North Cannon Drive und liefen am Lakeshore Drive entlang, man konnte rechts den Lake Michigan sehen, es ging raus aus dem Park, bis zur West Addison Street. Das war auch der nördlichste Punkt des gesamten Marathons, kurz danach ging es dann auf dem North Broadway wieder nach Süden. Bei km 15 waren wir immer noch fast genau auf unserer Pace, nahmen dabei sogar ein wenig raus, weil wir uns ca. zehn Sekunden Vorsprung erlaufen hatten.

Ich dachte an den Tipp von Joachim Groß von den Grojos Elversberg, der mir geraten hatte, unbedingt defensiv bzw. progressiv zu laufen, d.h. die zweite Hälfte schneller, und ruhig bei genau 1:30:00 oder sogar etwas später die Halbmarathonmarke zu passieren. Der Marathon wird nicht bei km 21,1 entschieden, meinte er. Und so lief ich möglichst exakt diese Pace, Stephan immer neben mir. Wir redeten jetzt schon deutlich weniger als am Anfang, beim Getränkeholen unterstützen wir uns gegenseitig - alle Meile gab's zu trinken, Gatorade und Wasser, und so wie die Sonne mittlerweile brannte, war das auch wichtig, sich regelmäßig zu hydrieren.

Kilometer 16-20: Die ersten dunklen Wolken...

 

Auch wenn ich das Shirt losgeworden war - die dünnen Handschuhe behielt ich noch eine Zeitlang an. Nicht nur, dass sie kalte Fingerspitzen verhindern und so auch helfen, Energie zu sparen - es macht's auch etwas bequemer, sich den Schweiss abzuwischen. Sollte man gerade bei solch frühen Starts eigentlich immer dabei haben - würde ich jedenfalls empfehlen. Wir spulten ansonsten wie ein Uhrwerk die Kilometer ab, nun näherten wir uns schon dem Halbmarathon. Stephan war kurz austreten gegangen, hatte mich aber zwei Kilometer später wieder aufgelaufen - da war ich baff erstaunt, ich hatte erst viel später mit ihm gerechnet. Aber es lief geschmeidig, ich war guter Dinge. Wir waren mittlerweile auf die North Wells Street gewechselt, die Parallelstraße zur North Lasalle Street, die wir hochgekommen waren, kamen wieder in die Innenstadt und sahen die Wolkenkratzer vor uns.

Brücken, Brücken, Brücken: Sechs Stück überquert man.
Wir waren immer noch genau auf Pace, 1:16:00 bei km 18, es war ein richtiger "Flow" - bis dahin. Aber nun merkte ich plötzlich, dass ich schon Fußschmerzen bekam - eindeutig zu früh.

Meine Brooks Green Silence, die mich in Berlin und New York unter drei Stunden getragen hatten und auch bei meiner persönlichen Bestzeit im Halbmarathon im Bottwartal und über zehn Kilometer in Bad Kreuznach mit dabei waren, sind nun auch schon vier Jahre alt und haben weit über 500 km Rennbetrieb drauf. Eins war mir schon klar: Das hier wird ihre Abschiedsvorstellung!

Ich hätte auf Henning Jochum hören sollen, der mich gewarnt hatte: Sind die Schuhe erstmal älter als zwei Jahre, lässt ihre Dämpfungswirkung rapide nach.

Und so war es auch bei mir - die Dämpfungswirkung, bei Rennschuhen eh wegen der Gewichtsersparnis suboptimal, war quasi nicht mehr vorhanden. Und noch ein Problem hatte ich, das war mir schon beim Vorbereitungslauf in Rülzheim aufgefallen: Meine Knie scheuerten knapp unterhalb des Gelenks immer wieder aneinander, wohl deshalb, weil die Schuhe nicht mehr so stabil waren. Mit meinen anderen Schuhen, die ich in der Vorbereitung trug, passierte mir dergleichen nie. So hatte ich bereits nach knapp zwanzig Kilometern ein kleines Handicap, das ich wirklich nicht brauchte.

Kilometer 21-25: Schön auf Pace das erste Tief überwunden...


Kurz vor der Halbmarathonmarke fing ich, vielleicht auch deshalb, an, ein wenig zu schwächeln: Ich ließ Stephan laufen, und die Pace-Gruppe von Chris überholte mich, bevor ich mich dranhängte. Die Pace der Gruppe um Chris hielt ich zwar problemlos, aber ich fühlte mich da nicht so gut - erstmals bei diesem Lauf.

Es ging zum vierten Mal über den Chicago River, jetzt merkte ich auch den Anstieg an der Franklin Street Bridge deutlich. Die Durchgangszeit bei km 20 war 1:25:15, nur noch drei Sekunden vor den Sub3. Ich lief aber trotzdem genau so weiter, so gleichmäßig wie möglich - das hatte ich mir vorgenommen, und das wollte ich auch unbedingt durchhalten.

Wir überquerten den südlichen Arm des Chicago River und liefen auf der Monroe Street westwärts, und kurz vor dem Knick nach Süden in die Jefferson Street war die Halbmarathonmarke.

Beim Halbmarathon zeigte die Uhr exakt 1:29:59 - ich war also genau auf Kurs. Das beruhigte mich ein wenig, und die nächsten Kilometer durch die Adams Street nach Westen Richtung United Center liefen deutlich besser. Ich lief ganz ruhig hinter der Pacergruppe her, wir überquerten den Highway 90, liefen am Spinner Park vorbei, hier wurde es nochmal laut, weil wir an der "Charity Block Party" vorbeiliefen, wo uns alle laut anfeuerten, und passierten die beeindruckende Arena der Chicago Bulls bzw. Blackhawks, der Basketball- bzw. Eishockeyteams von Chicago.

Ich fühlte mich noch recht gut, hatte mein Tief erstmal überwunden, aber die ersten "tropften" bereits aus der Gruppe heraus. Es war nun auch richtig warm, die Sonne brannte vom Himmel, und man merkte, dass nun für viele der Kampf begann.

Kilometer 26-30: Der Kampf beginnt...

 

Streckenmäßig ging's wieder zweimal 90° links und zurück Richtung Osten. ehe wir an der Kreuzung des Highways 90 und 290 nach Süden abbogen.

Wir waren nun bei km 28, zwei Drittel das Marathons waren vorbei, und ich musste schon anfangen zu kämpfen, um Chris' Gruppe zu halten. Schneller als bestenfalls knapp unter drei Stunden zu laufen, hatte ich mir hier schon abgeschminkt - mir war klar, dass die Beine heute allenfalls eine Sub3-Punktlandung hergeben würden, aber nicht mehr. Die Innenseiten meiner Knie brannten nun wie Feuer, aber den Schmerz konnte ich ignorieren - es war ja nichts Strukturelles, was mich beim Laufen hinderte oder durch das ich Gefahr lief, aufgeben zu müssen.

Es war wirklich hart hier zwischen Little Italy und dem University Village - kaum Zuschauer, die einen anfeuerten, nur sporadisch. Da merkt man mal, wie wichtig das ist. Glücklicherweise sah ich hier meine Familie zum zweiten Mal, sie jubelten mir zu und feuerten mich an, das gab mir nochmal für einige Zeit Kraft und positive Gedanken.

Ich konnte die Pace der Gruppe auch halten, obwohl sie mir verdammt schnell vorkamen. Später sah ich, dass es sogar eine 20:53 zwischen km 25 und 30 waren - Chris hatte offenbar ein wenig angezogen. Ich hatte mir aber seit der Halbmarathonmarke abgewöhnt, ständig auf die Uhr zu schauen - wozu hat man einen Pacer? Bei km 30 dann 2:07:34 - fast genau richtig, 2:07:57 war die errechnete Zeit für ein 2:59:59er Finish, also hatte ich immer noch 24 Sekunden "Gras".


Kilometer 31-35: Nicht denken - laufen!

 


Die Spitze bei km 30
Trotzdem wurde es für mich nicht leichter - auf den nächsten vier Kilometern schwächelte ich dann doch ziemlich und konnte gerade mal so 4:16er bis 4:18er-Kilometersplits laufen. Die positiven Gedanken schwanden, ich fing an zu grübeln. Der Mann mit dem Hammer klopfte schon an die Tür. Was, wenn ich weiterhin so verliere - nun fast ohne Reserve? Was, wenn ich nachher 3:00:04 laufe? Was, was, was? Ich riss mich trotzdem immer wieder zusammen - hey, Hammermann, Du kommst hier nicht rein!

Hier kam mir jetzt die Erfahrung aus den vielen Marathonläufen, die ich schon absolviert hatte, richtig zugute. Denkapparat ausschalten, voll aufs Laufen konzentrieren, Kilometer für Kilometer - so blieb ich im Rennen.

Wir liefen südwärts durch die Halstead Street, überquerten zum sechsten und letzten Mal einen Fluß (zum zweiten Mal den Südarm des Chicago River) und machten nochmals einen Haken nordostwärts, Richtung Cermak Street, von der bogen wir nach rechts ab und betraten durch das große rote Pagodentor Chinatown - mit einem Mal war man in einer ganz anderen Welt, leider konnte ich die Eindrücke gar nicht richtig aufnehmen, weil ich einfach nur noch am Kämpfen war.

Kilometer 36-40: Hier wird geerntet, was man im Training gesät hat!

 

Wir passierten kurz danach km 35, wo ich noch erträglich im Plan lag (21:24 für die letzten fünf Kilometer, noch 19 Sekunden vor der Sub3). Aber jetzt wurde es richtig hart: Ich verlor die Gruppe immer wieder und musste mit vorsichtigen Beschleunigungen ein ums andere Mal wieder ranlaufen, sonst hätte ich mein Sub3-Ziel aufgegeben - Marathon ist zu 80% Kopfsache!

Ich entschied mich deshalb auch für diese kleinen "Zwischensprints" - jetzt noch gleichmäßig durchzulaufen, hätte mich wahrscheinlich auf einem zu langsamen Tempo "eingelullt" und ich hätte den Fokus verloren.

Eingangs Chinatown - noch ca. 7,5 km...
Die Abwechslung war zwar kräfteraubend, aber tat mental gut und verkürzte die Leidenszeit. Trotzdem wurde es von Kilometer zu Kilometer härter. Viele mussten das hier im "Tal der Tränen" erkennen und fingen an zu gehen - die Gruppe um Chris schrumpfte sichtbar, von ehemals 50 Läufern waren vielleicht noch 15-20 übrig. Stephan hatte mittlerweile auch rausgenommen und war hinter mir - das hatte ich aber gar nicht registriert, ich dachte, er sei mir schon lange enteilt.

Zwischen Kilometer 35 und 40 kämpfte ich also meinen großen Kampf. Mir war klar, dass ich Zeit verlor, aber ich weigerte mich weiterhin standhaft, ständig auf die Uhr zu schielen. Ich wußte, solange ich die Gruppe einigermaßen halte, ist alles gut. Das rigide Durchhalten meines Trainingsplans und die Konsequenz in der Vorbereitung gaben mir hier auch mental Sicherheit und Stütze: Man macht sich selbst Mut, und das funktioniert, wenn man, was die Vorbereitung angeht, ein reines Gewissen hat!

Bei km 37 bogen wir auf die Michigan Avenue ein. Diese lange Straße, die Chicago von Süden nach Norden durchzieht und in deren Nähe einige Kilometer nördlich unsere Wohnung lag, sollte nun für fast den Rest des Rennens der "Home Stretch" sein - fast fünf Kilometer ging es auf ihr dem Ende entgegen, bis ca. 800 Meter vor dem Ziel, wo dann die Roosevelt Road abzweigte und kurz danach links auf den South Columbus Drive führte. Ich kämpfte, wie gesagt, aber hatte bis km 40 noch Probleme.

Kilometer 41-42,2: Mit den letzten Reserven zur Punktlandung

 

Christoph Columbus grüßt bei km 42!
Egal: Auch wenn ich zwischen km 35 und km 40 "nur" 21:43 lief und somit auf den letzten fünf Kilometern 28 Sekunden auf die 4:15-Pace verlor - bei km 40 hatte ich mit einer 2:50:40 nur genau drei Sekunden Rückstand gegenüber der Pace für eine 2:59:59 (2:50:37 bei 40 km). Das war beherrschbar - nur musste ich eben noch über die letzten 2,2 km noch ein wenig Gas geben! Bis hierher hatte ich mir Zurückhaltung auferlegt und richtig kraftraubende Fast-Sprints mit langen, raumgreifenden Schritten vermieden - damit war jetzt aber Schluss!

Ich war da richtig froh, Joachim Groß' Tip beherzigt zu haben. Ich spürte wie gesagt, dass ich noch Reserven hatte, zwar nicht mehr viele, aber einige Pfeile waren noch im Köcher und eine dezente, kontrollierte Beschleunigung war noch drin. Ich lief den nächsten Kilometer erstmal in 4:15, um für den Schlusssprint warm zu werden, damit war ich exakt auf Kurs, dann beschleunigte ich nochmals, nun waren's nur noch 1,2 km, und wir näherten uns dem südlichen Ende des Grant Parks.

Das Ziel auf dem South Columbus Drive - zwei Tage später...
Ich überholte jetzt nur noch, viele Läufer waren mit ihren Kräften am Ende. Einer fing gerade, als ich überholte, an zu gehen - ein Kilometer vor dem Ziel und mit einer Sub3-Zeit zum Greifen nah! Der tat mir richtig leid.

Ich hatte auch Chris' Gruppe vor mir, zwar für mich nicht mehr erreichbar, aber im Blickfeld (sie waren knapp 50-80 Meter vor), und das war gut. Jetzt schoß mir das Adrenalin so richtig in die Beine, und ich konnte nochmals beschleunigen.

800 Meter vor dem Ziel dann ein Schild und eine Rechtskurve, es ging über die Roosevelt Road nochmal leicht bergan über die Bahnstrecke und dann nach links auf die Zielgerade des South Columbus Drive.

Kurz vorm Ziel (marathonfoto.com)
Ich lief mittlerweile eine 3:50er-Pace und wußte sicher, dass ich dann doch einige Sekunden unter den drei Stunden würde bleiben können. Ich sah die Skyline vor mir, das Ziel war nicht mehr weit, und das Glücksgefühl, dass sich nun einstellte, kennt jeder, der Marathon läuft, nur zu gut.

Die letzten 200 Meter geht es sogar noch leicht bergab, das macht das Ganze noch schöner. 50 Meter vor dem Ziel sah ich, dass die Bruttozeit noch einige Sekunden unter drei Stunden war. Jawoll, das reicht locker! Bei 2:59:47 stoppte ich meine Uhr, als ich die Ziellinie überquert hatte - immerhin hatte ich also auf den letzten 2,195 km mit einem 4:09er-Schnitt noch 16 Sekunden gut gemacht.

Meine Beine signalisierten mir sofort: Gehen, und zwar langsam! Mehr ist nicht mehr drin! Die Milchsäure schoss ins Muskelgewebe, auch die Scheuerstellen am Knie schmerzten jetzt wieder, und ein wenig bluteten sie auch, aber das war mir jetzt auch egal. Ich trank, aß und holte mir Medaille und Wärmedecke ab - letztere hätte ich eigentlich nicht gebraucht, es war superwarm. Dann das obligatorische Foto, und ruhiges, langsames Gehen Richtung Massagezelt.

Ich war überglücklich und sehr zufrieden mit mir. Während der Vorbereitung hatte ich schon Zweifel gehegt, ob es für eine Zeit unter drei Stunden reichen würde, erst gegen Ende der zehn Wochen wurde ich vorsichtig optimistisch. Mein Gefühl hatte mich nicht getrogen. In diesen Momenten genießt man einfach nur: 52 Trainingseinheiten, 765 Kilometer Laufen, 55.000 kcal, 553.200 Herzschläge - hat sich gelohnt!

Im Ziel glücklich vereint - meine Mädels und ich
Endlich, nach gefühlten drei Kilometern Fußmarsch (in Wirklichkeit war es gerade mal einer), kam ich im Massagezelt an, das fast genau am Startpunkt stand. Keine Wartezeit - ich kam direkt dran! Das ist halt einer der Vorteile, wenn man unter den ersten 1.000 ankommt.

Die Massage war hart, aber eine Wohltat. Sharon und Lia, zwei Schülerinnen einer Physiotherapieschule, kneteten mich ordentlich durch - das tat zwar teilweise richtig weh, aber kurz danach sehr gut. Vor allem die Behandlung der Waden und des Rückens wirkte Wunder. Danach konnte ich viel besser gehen und begab mich in Richtung Familientreffpunkt, wo ich meine Lieben kurz darauf fand. Da war das Glück perfekt. Sie erzählten mir von ihren Abenteuern, waren mit U-Bahn und Bus durch Chicago getourt und hatten mich dreimal gesehen, einmal sogar auf einer Riesenleinwand!

Meiner Familie muss ich an dieser Stelle nochmal richtig herzlich "Danke!" sagen. Es tat richtig gut, Doris und die Mädels dabei zu haben. Sie machen seit Jahren die ganzen Auswüchse, die die Laufverrücktheit so mit sich bringt, klaglos (ok, mehr oder weniger...) mit und unterstützten mich besonders in den letzten Wochen ungemein. Der einzige Wermutstropfen war das Fehlen unsere Sohnes Jan-Robin, aber der studiert nunmal seit Anfang Oktober und konnte daher leider nicht mit. Aber wie gesagt, dass wenigstens der Großteil der Familie mit dabei war, hat mir sehr geholfen.

Wir gingen langsam Richtung U-Bahn, auf dem Weg dahin traf ich auch Stephan wieder, und wir beglückwünschten uns gegenseitig. Er hatte, wie gesagt, zwischen km 25 und 30 begonnen, rauszunehmen und war in einer 3:08er-Zeit reingekommen. Für eine Ultraläufer sind Sub3-Zeiten nicht so wichtig, aber ich bin mir sicher, wenn er es drauf angelegt hätte, hätte er das locker geschafft.

Ein wenig Werbung für die Heimatstadt - denn
so sah man mich von hinten!
Danach ging's in die U-Bahn, die Treppen bereiteten mir leichte Probleme, aber irgendwie bekam ich das auch noch hin. Kurz danach waren wir zu Hause, wo ich mir erstmal ein Bad und danach eine multiple Allgäuer-Latschenkiefer-Therapie für Beine und Füße gönnte. Die heimischen Produkte der Dr.-Theiss-Gruppe sind für Sportler wirklich eine Wohltat. Nach ein wenig Ruhe ging's mir schon wesentlich besser, und wir machten sogar noch einen längeren Spaziergang zum Navy Pier und in die Stadt, wo wir auch das "Siegermenü" verspeisten - auf Wunsch der Gattin im TGI Friday's. Ich hatte Riesenhunger und aß mich richtig satt!

Analyse: 

 

Eine kurze, vorläufige Auswertung meiner Leistungsdaten: Pulsschnitt 153, maximal 167 (beim Zielsprint auf den letzten 1,5 km), bis zur Hälfte ziemlich exakt, auch im Schnitt, 149, danach stetig ansteigend, 156 auf der zweiten Hälfte im Schnitt  - also alles ganz normal - mein pulsmäßig ruhigster Marathon bisher, in Boston hatte ich 154. Schrittfrequenzmäßig war ich auch gut unterwegs, 183 im Schnitt, aber auch hier nach hinten abfallend, obwohl in erträglichem Maß - der Laufstil war also effizient genug.

Von Marathon zu Marathon flacher - meine Herzfrequenzkurve
927. Platz insgesamt (von 40.546), 840. Platz bei den Männern (von 22.029), 72. Platz in der Altersklasse (von 2.967), neuntbester Deutscher (von 311) und letzter Germane unter drei Stunden. Und - tada! - mal wieder bester Saarländer! Wir waren immerhin zu sechst, nach mir kam Oliver Kerber (37) aus Saarlouis mit 3:34:44 auf Platz 5643 ins Ziel.

Aber am allerwichtigsten - der negative Split: 1:29:59 für die erste Hälfte, 1:29:48 für die zweite. Dieser Plan ist aufgegangen, endlich mal, was mir bei einem Marathon noch nie gelungen ist, und anders hätte ich den Sub3-Marathon wohl auch nicht geschafft. Wie wichtig dieser negative Split ist, wird anhand der Platzierungen deutlich.

Für die Gesamtplatzierung war mir die Recherche eindeutig zu viel Arbeit, aber es wird klar, wenn man sich die Platzierungen unter den Deutschen und in der Altersklasse ansieht:

Bei den vor mir platzierten Deutschen lief keiner eine langsamere erste Hälfte, aber sechs hinter mir platzierte Landsleute eine schnellere - ich verbesserte mich also gemessen an der "Halbmarathon-Zeit" von Platz 15 auf den neunten Platz in der "Nationalwertung".

Und in der Altersgruppe lief nur einer der vor mir platzierten Läufer eine langsamere erste Hälfte, aber 51 hinter mir platzierte eine schnellere - hier verbesserte ich mich also um 50 Plätze (!) von 122 auf 72.

Chicago ist - ob mit oder ohne Marathon - äuf jeden Fall eine Reise wert!
Aber das wichtigste ist: Mir geht's gut, ich bin zwar etwas ermattet, aber schmerzfrei und gesund. Jetzt genießen wir erstmal noch für einige Tage die Stadt, heute geht's zur Parade anlässlich des Columbus Day und in den Zoo. Ich freu mich jetzt auf den Urlaub, da die Arbeit ja vollbracht ist!

Ausblick:


Four down, two to go: Nach Berlin 2012, New York 2013 und Boston 2015 war das mein vierter Marathon unter drei Stunden, nachdem die ersten drei (Frankfurt 2009, Sankt Wendel 2010, Berlin 2011) noch drüber waren. Von den "Major Six" habe ich jetzt noch London und Tokyo vor der Brust. Im Moment weiß ich noch gar nicht, wann ich die angehe, der vorläufige Plan ist einer in 2018 und der andere in 2019, aber vielleicht ändert sich das auch noch. Im Moment genieße ich erst mal das Erreichte und freue mich auf eine Zeit ohne Trainingsplan!

Für die ganz Neugierigen hier nochmal die anderen Finisher aus dem Saarland! Herzlichen Glückwunsch!

5643     Kerber, Oliver        Saarlouis     37     03:34:44
13321    Schaefer, Elisabeth   Völklingen    56     04:02:59
13949    Specht, Dieter        Merzig        53     04:05:26
15136    Godlewsky, Thomas     Saarbrücken   51     04:09:47
31713    Roman, Karl-Heinz     Nohfelden     58     05:18:08






#chicago2016 #53 - 30 min. Joggen mit Steigerungen - Navy Pier

#chicago2016 #53 - 30 min. Joggen mit Steigerungen - Navy Pier







Jetzt ist der Deckel drauf!


Nach 53 Trainingseinheiten mit 765 km und knapp über 67 Stunden Vorbereitung: Morgen gilt's!


Der Lakefront Trail - exklusiv für Radler und Läufer. Toll!
Gestern abend (nach unserer gefühlten Zeit aber um 6 Uhr morgens) kamen wir nach unserer Reise über Frankfurt und London endlich in Chicago an. Die Anreise verlief unspektakulär und ohne Zwischenfälle, dauerte aber trotzdem fast 20 Stunden.

Nachdem wir uns einigermaßen ausgeschlafen hatten, standen wir gegen sechs Uhr morgens (wie gesagt, gefühlt war das für uns ungefähr Mittag) auf und genossen den Sonnenaufgang an den unweit unserer Wohnung liegenden Ufern des Lake Michigan.

Danach gab's ein herzhaftes Frühstück, wir besuchten die Marathonmesse und dann machte ich mich auf zum allerletzten Training vor dem Marathon.

Konsequentes Training ist ein guter Anker!
Ich lief zunächst am North Lake Shore Drive entlang, dann durch eine Unterführung und dann noch näher am Ufer am Lakefront Trail, einem tollen Rad/Gehweg bis zum Navy Pier, einem Freizeitparadies direkt am See.

Das umrundete ich, dabei machte ich noch sechs lockere Beschleunigungen, die alle prima klappten, ehe ich wieder Richtung Heimat lief.

Nachmittags durchstreiften wir noch ein wenig die Stadt, aber nur in der näheren Umgebung. Ansonten wurde geruht! Denn morgen gilt's.

Ich bin nach der Vorbereitung echt optimistisch, dass ich mein Ziel,unter drei Stunden zu laufen, erreichen kann.

Aber man weiß ja nie. Bei so einem Marathon kann viel passieren. Morgen abend sind wir alle schlauer.

Danke an die Saarbrücker Zeitung für den schönen Bericht, der in der Heimat erschien!

Saarbrücker Zeitung vom 08.10.2016 (Regionausgabe Neunkirchen)