Donnerstag, 27. August 2015

Arreau - Lourdes - Col du Tourmalet - Col d'Aspin - Arreau

Garmin Connect

Königsetappe


"Vous êtes des assassins. Oui, des assassins!"

 -Octave Lapize, 1910

 

 

Arreau am Morgen um 07.30 Uhr
Am vierten Tag unseres Pyrenäen-Urlaubs war es endlich soweit: Ich machte mich auf eine fast 157 km lange Runde durch das Bigorre, inspiriert von der 11. Etappe der Tour de France 2015, auf der der deutsche Meister Emanuel Buchmann einen hervorragenden dritten Platz hinter dem Sieger Rafal Majka aus Polen und Daniel Martin aus Irland herausgefahren hatte. Mit einigen kleinen Unterschieden: Ich fuhr die Etappe in entgegengesetzter Richtung und sparte mir die ersten flachen 35 km von Pau nach Lourdes, den Umweg über Bagnères-de-Bigorre sowie den Schlußanstieg der dritten Kategorie nach Cauterets. Dafür machte ich einige Höhenmeter mehr zwischen Montgaillard und Mauvezin und musste ja auch noch von Lourdes bis an den Beginn des Anstiegs nach Cauterets, so dass ich "nur" 31 km und ca. 700 hm weniger als die Tour-Asse bewältigen musste. Über die Zeit wollen wir lieber nicht reden...

Ich war mir der Schwere der Tour bewusst. Ganz allein, bis 35°C lt. Wettervorhersage, über 4.000 Höhenmeter mit vielen Steigungen zwischendurch und dem Col du Tourmalet sowie direkt danach dem Col d'Aspin als Abschluss - das war schon eine Herausforderung. Zumal ich schon beim Aufstehen merkte, dass der gestrige Berglauf eher kontraproduktiv war - die Oberschenkel waren hart, die Waden zogen. Ich dehnte mich erst mal ausgiebig, frühstückte ordentlich und nahm mir vor, auf der Fahrt hinaus aus dem Tal der Neste nicht zu überpacen, sondern mit hoher Trittfrequenz und wenig Druck aufs Pedal die Beine lockerzufahren.

Am Ausgang des Tals der Neste, Blickrichtung Westen
Das gelang auch ganz gut. Es war noch frisch, ca. 14° C, die Windjacke war hilfreich, als ich Arreau verließ. Kurz nach dem Ortsausgang sah ich links am Hang zum Col d'Aspin zwei Hirsche über ein offenes Feld jagen - herrlich!

Durch Sarrancolin und Rebouc ging's fast immer nur bergab, ehe bei Hèches die erste kleine Steigung kam, dort, wo durch den Canal de la Neste dem Fluß Wasser entzogen wird, das dann über ein ausgeklügeltes System auf kleinere Flüße im Vorbergland verteilt wird, die im Sommer wenig Wasser führen - äußerst interessant.

Und schon war ich raus aus dem Tal der Neste, 21 km hatte ich in den Beinen, die Jacke konnte ich nun ausziehen, und mit einem Schnitt von 30,3 km/h und einer Trittfrequenz von ca. 97 lag ich ganz gut im Soll.

Auf dem Weg nach Mauvezin nahm ich zum ersten Mal optisch den Pic du Midi de Bigorre wahr: Er sollte mich während der ganzen Fahrt als Orientierungspunkt begleiten.

Mauvezin
Zunächst aber mal fuhr ich frischen Mutes in Richtung Mauvezin: Das Schloß, das über dem Tal der "Côte de Mauvezin" thront, wurde immer größer. Dann ging's hinunter ins Tal der Arros, hier war auch der tiefste Punkt der ganzen Tour. Kurz danach überquerte ich deren Nebenfluß Luz, und dann direkt kam der erste richtige Anstieg: 260 hm auf gut 5 km, in der Spitze 8-9%, nachher flacher.

Ich folgte dann wie gesagt nicht der D20 in Richtung Bagnères-de-Bigorre, sondern bog rechts ab nach Cieutat und von dort hinunter ins Tal der Arrêt.

Danach gleich wieder steil hoch nach Orignac (in den Ort rein ging's mit 20% Steigung!), danach wieder runter ins Tal der Arrêt-Darré, danach wieder hoch und runter, ehe ich endlich bei Montgaillard den Adour überquerte, der aus Bagnères-de-Bigorre kommt: So hatte ich nach knapp 50 km schon 850 hm beisammen. Und das merkte ich auch schon, als ich die vorerst letzte fühlbare Steigung hoch nach Loucrup in Angriff nahm, nach der es nach einer kurzen, schnellen Abfahrt bis Lourdes erstmal flach weitergehen sollte.
Die Kirche von Orignac


Immerhin: Ab Montgaillard merkte man an der Qualität der Straße unzweifelhaft, daß hier erst kürzlich die Tour de France vorbeigekommen war - blitzblanker Asphalt, auf dem es richtig gut rollte. Und so war ich ruck, zuck nach 62 km in Lourdes.

Für das, was den Ort eigentlich ausmacht, hatte ich heute aber keine Zeit, auch wenn gefühlte 1.000 Schilder auf die Grotte von Massabielle hinweisen. Ich fuhr weiter in Richtung des Flußes "Gave de Pau", um mich von dort aus flußaufwärts aufzumachen in Richtung Luz-Saint-Sauveur, dem Startort des Westaufstiegs zum Col du Tourmalet.

Ich war scheinbar so aufgeregt, endlich im "richtigen" Tal zu sein, und hatte darüber hinaus meinen Garmin wohl falsch programmiert, dass ich gar nicht merkte, dass ich plötzlich auf der D821 gelandet war - einer Autostraße, für Radfahrer untersagt. Als ich meinen Irrtum bemerkte, hielt ich mich äußerst rechts (zum Glück gab es einen breiten Streifen) und nahm ordentlich Fahrt auf, damit die Tempodifferenz zu den Autos nicht zu groß war und ich so schnell wie möglich wieder runter kam - das war ziemlich stressig.

Blick ins Tal der Gave de Pau nach ungefähr 70 km
In Agos-Vidalos verließ ich dann die Schnellstraße und bewegte mich fortan auf erlaubten Pfaden, froh, unversehrt geblieben zu sein. Ich fand sogar den "Voie Verte", einen toll ausgebauten Fahrradweg, auf dem ich dann auch "Bergfest" feierte - nach nunmehr 78 gefahrenen Kilometern, mit einem Schnitt von immer noch 27 km/h. Der sollte aber im weiteren Verlauf des Tages noch sinken...

Als nächstes verlies ich den Voie Verte und kam ich nach Pierrefitte-Nestalas - hier war wieder ein wichtiger Punkt: Von nun an sollte ich bis fast an den Startpunkt die Originalroute der erwähnten 11. Touretappe 2015 - nur umgekehrt - fahren.

Die Gave de Cauterets in Pierrefitte-Nestalas. Im Hintergrund
sieht man die Passstraße nach Cauterets, wo die Tour hochfuhr.
Wo die Tour-Asse auf die D920 in Richtung Cauterets links abgebogen waren, fuhr ich geradeaus, überquerte die Gave de Cauterets und fuhr durch Soulom in Richtung Luz-Saint-Sauveur wieder durch das Tal der Gave de Pau, welches hier leicht ansteigt. Man kann nach wenigen Kilometern in die Schluchten des Flußes blicken, das ist sehr beeindruckend, wenn auch eng.

Mittlerweile war ich 85 Kilometer unterwegs und merkte erste Ermüdungserscheinungen - und das noch vor dem Col du Tourmalet. Na Prost Mahlzeit, dachte ich mir, schaltete etwas leichter und stampfte voran.

Dieser Teil der Strecke ist nicht so angenehm zu fahren, es ist ein richtiges Nadelöhr, denn der ganze Verkehr aus dem oberen Tal (Luz-Saint-Sauveur und alles, was dahinterliegt) muss hier durch, und es gibt nur wenig abgesetzte Streifen für die Radfahrer, also muss man sich die Straße mit den sehr vielen Autos teilen. Zum Glück kam nun eine kleine Abfahrt, und danach ging es flach die Gave de Pau entlang. Man konnte den Pass schon riechen...

Luz-Saint-Sauveur
Kurz vor Luz-Saint-Sauveur geht es schon leicht bergan, man verläßt das Tal der Gave de Pau und überquert den Fluß "Le Bastan". Der kommt aus dem Tal, wo's zum Col du Tourmalet hochgeht. Kurz danach war ich in der Ortsmitte von Luz-Saint-Sauveur.

"And so it begins..." ging mir durch den Kopf. Der letzte der vier heiligen Berge der Tour de France, der mir in meiner Sammlung noch fehlte, nach L'Alpe d'Huez 2009, dem Mont Ventoux 2010 und dem Col du Galibier 2013.

Der Wasserfall bei Viey
Ich begann die Auffahrt recht euphorisch, sie ist auf den ersten Kilometern auch nicht besonders fordernd, mit 3,6%, 5,3% und 6,5%, fast alles noch in der Ortslage von Luz-Saint-Sauveur, Viella und Viey, wo man linkerhand einen wunderschönen Wasserfall erblickt, der sich in den Bastan ergießt.

Dann nimmt die Steigung zu: Für die nächsten sieben Kilometer ist sie recht gleichmäßig immer zwischen 7,0 und 8,5%, aber ich hatte zwischen den Dörfern Betpouey und Barèges gerade die 100 Tageskilometer voll und merkte jetzt schon, dass ich einige Körner hatte liegenlassen.

Meine durchschnittliche Geschwindigkeit war schon auf 24,3 km/h gesunken. Ich litt. Zum Glück fuhr ich in dieser Phase zwei Deutsche auf, Christoph, einen niedersächsischen Radiologen und seinen Kumpel Frank aus dem Burgenland. Wir blieben ein wenig zusammen, machten uns gegenseitig Mut, so hielt es sich besser aus.

Leider gesperrt: Der "Voie Laurent Fignon"
Die Sonne war jetzt auch voll da, 28°C, leichter Gegenwind. Wir schraubten uns nach oben, aber hinter dem Dorf auf dem Weg zur Sessellift-Talstation Tournaboup ließ ich die beiden dann zurück - wir sollten uns auf der Passhöhe wieder begegnen.

Hier wurde das Tal nun ein wenig flacher, für einen Kilometer hatte es "nur" 5,5%. Rechts ging der "Voie Laurent Fignon" ab, aber die Straße war gesperrt - schade, denn sie ist nur für Radfahrer reserviert und trifft erst viel weiter oben wieder auf die D918.

Sie folgt der alten Passstraße und passiert die legendäre Pont de la Gaubie, aber soweit ich es der Verlautbarung entnehmen kann, gibt's dort momentan zu viel Steinschlaggefahr.

Blick zurück ins Tal knapp oberhalb von Tournaboup
Also weiter auf der D918, vorbei an der Skistation - nun begannen die Serpentinen hoch zum Pass. Acht Kilometer lang konstant zwischen 7,6% und 9,3%.

Während der Fahrt durch das Hochtal war ich eine Zeitlang im Schatten gefahren - in der Zeit war es auf angenehme 21° C abgekühlt. Nun stand ich wieder voll in der Sonne - 31° C, meine Füße brannten, der Schädel brummte, die Waden begannen zu zucken und der Getränkevorrat war aufgebraucht.

Ungefähr zwei km nach der Skistation fuhr ich daher einfach mal links ran, erfrischte mich kurz an einem klaren Gebirgsbach, füllte meine Flaschen mit Wasser und DextroEnergy Sports Nutrition auf und kletterte weiter bergan.

Der Pic du Midi de Bigorre - noch 350 hm bis zum Col...
Es ging Richtung der nächsten Skistation, Super Barèges, auf nunmehr 1.650m über N.N.. Ich überholte eine Menge Leidensgenossen, mich passierten allerdings auch welche, einer - augenscheinlich ein junger Luxemburger - zog mir fast den Zahn, als er leicht wiegetretend an mir vorbeiflog, während ich fast in den Lenker biss. Ich war ziemlich am Limit - physisch wie mental. "Komm schon, es sind keine 5 km mehr!" - "Quäl Dich, Du Sau!" - "Du bist jetzt nicht 110 km gefahren, um jetzt abzukacken!" - und so weiter, und so weiter.

Ich sah von rechts den (wie gesagt leider gesperrten) "Voie Laurent Fignon" wieder auf die D918 stoßen, blickte mal nach links, sah den Pic du Midi de Bigorre fast greifbar vor mir - Luftlinie waren es keine vier km - und kurbelte, kurbelte, kurbelte. 39/28, Kadenz so um die 60 - macht bei 2,94*60 Meter pro Umdrehung 176,4 Meter in der Minute. Es ging also quälend langsam, aber immerhin voran - und hoch.

Der Pass kam immer näher - aber es war noch weit...
Kurz vor dem letzten Kilometer sah ich dann das Hinweisschild: 10,2% im Schnitt, also noch 102 Höhenmeter. Meine Beine jaulten. Und das allerschlimmste: Es wurde flacher! Was nur bedeuten konnte, dass die meisten Höhenmeter hinten lauerten...

Und so war es auch. Noch 500m, man fährt um die letzte Haarnadelkurve, links herum, und schon steht man vor einer Wand.

Wer das mal sehen will, kann sich die Zielankunft von der Tour-Etappe 2010 anschauen, die Andy Schleck vor Alberto Contador gewann. Obwohl es neblig ist, kann man das besagte Stück ganz gut erkennen. So ab 07:45 wird's richtig interessant...



Nur soviel: Ich fuhr etwas gemäßigter hoch als die beiden, musste nochmal alles geben, kam dann aber auch oben an, nach 1:43h reiner Fahrzeit seit Luz-Saint-Sauveur. Geschafft! Den letzten der vier heiligen Tour-Berge bezwungen!

Octave Lapize et moi...
Dann die übliche Routine: Ein Fotografieropfer gesucht, freundlich gebeten, iphone erklärt (war nicht nötig, er hatte selbst eins), ablichten lassen und dann einfach nur noch geniessen.

Ich brauchte auch fünf Minuten, um vom Euphorieschwall runterzukommen, traf meine beiden Mitstreiter von früher am Berg wieder, wir flachsten ein wenig, dann zog ich mir auch schon die Jacke über und bereitete mich auf die 17 km lange Abfahrt nach Sainte-Marie-de-Campan vor.

Von dort war Octave Lapize mit seinen Leidensgenossen bei der ersten Ausgabe der Tour de France 1910 gekommen, über wilde Schotterstraßen, auf einer 326 km langen Etappe, auf der unter anderem schon der Col de Peyresourde, der Col d'Aspin und nach dem Col du Tourmalet zum Schluß noch der Col d'Aubisque bezwungen wurde. Als Lapize diesen überquerte, rief er in Richtung der Tourleitung die eingangs erwähnten Worte: "Ihr seid Mörder! Ja, Mörder!"

Die letzten Meter der Rampe von Westen
Dann nahm er seinen ganzen Mut und seine ganze Wut zusammen, fuhr halsbrecherisch in Richtung Bayonne und schnappte sich dort den Etappensieg im Sprint - und einige Tage später den Gesamtsieg. Es sollte sein einziger bleiben: Wie schon 1909 nahm er auch 1911–1914 zwar an der Tour de France teil, gewann auch noch zwei Etappen, musste aber das Rennen jedes Mal aufgeben.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde Octave Lapize zum Militärdienst eingezogen. Am 14. Juli 1917 starb er in einem Hospital in Toul, nachdem er beim Absturz seines Flugzeugs schwer verletzt worden war.

Lapize ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten in der Tour-Geschichte, gewann auch dreimal hintereinander Paris-Roubaix (1909-1911) und Paris-Brüssel (1911-1913).

La Mongie vom Col du Tourmalet aus gesehen
Er überquerte bei der 10. Etappe der Tour 2010 den Col du Tourmalet als erster Tour-de-France-Teilnehmer, woran heute noch die 300 Kilo schwere Skulptur erinnert, die übrigens seit 2000 im Winter immer ins Tal nach Gerde bei Bagnères-de-Bigorre gebracht wird, um dann zu Sommeranfang am ersten Samstag im Juni im Rahmen des großen Radsportfestes "Montée du Géant" auf den Gipfel zurückgebracht zu werden.

Ich führte noch einige Gespräche, gab einer Sportkameradin auch noch Tips für eine schöne Rundfahrt in der Nähe von Arreau, die ich dann zwei Tage später mit Jan-Robin auch selbst machte. Als ich ihr sie zeigen wollte, rutschte mir ein "Doo muss ich mool uff  die Kaart gugge..." raus. Die Frage kam sofort: "Saarländer?"

Alpakaherde knapp unterhalb des Passes in der Ostauffahrt
Langsam fröstelte mich. Ich betrachtete mir noch das Denkmal Jean-Raoul Pauls, der die Straße konstruierte, und das des langjährigen Tourdirektors Jacques Goddet (nach ihm ist auch der Sonderpreis benannt, den jeder Tour-Fahrer bekommt, der als erstes den Tourmalet überfährt, das Souvenir Jacques Goddet). Dann machte ich mich auf in die Abfahrt.

Zunächst einmal genoß ich jedoch den Blick ins Tal des Adour, hinunter zur Bettenburg La Mongie und auf die Seilbahn in Richtung Pic du Midi de Bigorre.

Ich hielt schon nach zwei Kehren an, um ein Foto zu machen, als ich erstaunt feststellte, dass hier oben in 2.000 Metern über dem Meer sogar Alpakas rumlaufen! Andenkamele in den Pyrenäen. Die Welt ist bunt!

Die ersten Kurven nahm ich ohne viel Treten und lies die Beine ruhen. Ein Fehler. Auch durch La Mongie rollte ich ziemlich passiv, achtete lediglich auf den Verkehr und hielt die Bremse kurz. Dann, nach dem Ort, kommen drei Kilometer schnurgerade, toller Asphalt, 10% Gefälle.

Der Geschwindigkeitsrausch hatte mich gepackt. Hier wollte ich mal sehen, wie schnell ich würde fahren können, legte die größtmögliche Gängekombination auf (53/11, macht eine Abrolllänge von 10,17 Metern) und fing an, die Trittfrequenz hochzuschrauben.

Merke: Mit Euphorie und Adrenalin weckt man schlafende Dämonen! Ich kam bis zu einer Trittfrequenz von 126 (also knapp 77 km/h), dann schossen die Krämpfe fast gleichzeitig in alle vier Schenkel. Aua!

Sofort hörte ich auf zu treten, lies rollen, schaltete viel leichter und fing vorsichtig, ohne Druck, wieder an zu kurbeln, um die Krämpfe rauszufahren. So hielt ich es während der gesamten Abfahrt, es dauerte allerdings einige Minuten, ehe ich eine Verbesserung bemerkte.

Es lag ja noch einiges vor mir - der Col d'Aspin hat von Sainte-Marie-de-Campan immerhin eine Länge von 12,5 km bei 5,2% durchschnittlicher Steigung mit Spitzen von 8,5%, dabei musste ich noch 649 hm überwinden.

Es ging nun vorbei an Artigues und durch Hoursentut. Nach den steilsten Stellen der Abfahrt wurden die letzten 5 km etwas flacher, ich konnte wieder vorsichtig Druck aufs Pedal geben, ohne dass die Beine aufschrien. Das stimmte mich vorsichtig optimistisch. So kam ich nach ca 23 Minuten Abfahrt in Sainte-Marie-de-Campan an. Ich fuhr am Denkmal von Eugène Christophe, dem "alten Gallier", vorbei, ohne es wahrzunehmen (das Foto entstand dann zwei Tage später auf einem Familienausflug bzw. an dem Tag, als ich mit Jan-Robin hoch nach Luz-Ardiden fuhr), und machte im Tal kurz halt - einige Schrauben der Getränkehalterung mussten nachgezogen werden.

Im Vergleich zu dem, was Christophe bei der Tour 1913 passiert war, war das Kinderkram - ihm war auf der Abfahrt vom Col du Tourmalet, als er in Führung lag, die Gabel gebrochen. Um das Fahrrad zu reparieren, musste er 14 km zu Fuß zur nächsten Schmiede gehen, in der er sich nicht helfen lassen durfte. Durch den Fußmarsch und die Reparatur verlor er mehr als zwei Stunden Zeit. Dennoch bekam er eine Strafminute, da ein Junge den Blasebalg für ihn bediente. Der Überlieferung nach kommentierte er diese Strafminute mit nicht druckfähigen Ausdrücken. Er wurde insgesamt Siebter, seinen Spitznamen erhielt er nach diesem Rennen. Auch 1919 beendete ein Gabelbruch seine Siegeshoffnungen. Er belegte diesmal den dritten Platz.

Am Col d'Aspin bei La Séoube (3 km nach Pass-Start)
Ähnlich wie der großartige Raymond Poulidor ("Poupou") konnte er nie die Tour gewinnen und ist trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - genau wie dieser heute sehr beliebt und eine absolute Legende, während es Siegertypen wie Jacques Anquetil und Bernard Hinault (Spitzname: "der Dachs") weit weniger gelang, sich auch in die Herzen ihrer Landsleute zu fahren.

Das mag ich so an Frankreich und den Franzosen: Es zählt nicht unbedingt nur der Sieg bzw. der Sieger, sondern die Leistung des Sportlers an sich.

Jetzt also hoch zum letzten Pass! Ich überquerte den  "Adour du Tourmalet" zum letzten Mal einen Kilometer vor seinem Zusammenfluß mit der "großen" Adour, nachdem ich ihn schon während der ganzen Abfahrt begleitet hatte (der Fluß entspringt nahe der zweiten Kurve unterhalb des Gipfels auf 1.900m über N.N.).

Die Hourquette d'Ancizan beginnt genau hier...
Der Col d'Aspin wartete nun also darauf, bezwungen zu werden, aber meine Beine dachten sich was anderes. Immer wieder stachen kleine Krämpfe zu, sobald ich auch nur ein wenig Druck aufs Pedal gab. Ich fuhr also betont defensiv, nutzte Flachpassagen zum Ausruhen, statt zu beschleunigen, und wechselte viel zwischen Sitz- und Wiegetritt, um die Muskeln locker zu halten.

Es ging nun die Adour hoch in Richtung Payolle. Hier zweigt rechts die Hourquette d'Ancizan ab, und man kommt in eine wunderschöne Tallandschaft, wo mehrere Bäche zusammenfließen und dem Adour erstmals die Form eines richtigen Flußes geben. Überall grüne Wiesen, massenhaft Wohnmobile, Kühe - und, was mir gut tat, es war relativ flach, wie überhaupt seit Sainte-Marie-de-Campan.

Nach nunmehr über sieben Kilometern mit nie mehr als 5,4%, meist zwischen 2% und 4%, dachte ich mir in meinem jugendlichen Leichtsinn, daß der Rest nun kein Problem mehr werden könnte. Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt!

Der wunderschöne Blick zurück zum Pic du Midi tröstete
mich hier kaum - ich war fix und fertig
Ungefähr bei km acht nämlich beginnt der Col d'Aspin so richtig. Die Straße hebt sich in Serpentinen aus dem Hochtal in einen Wald, urplötzlich fährt man mit 8% Steigung.

Ca. 500m machten meine Beine das mit, dann, kurz vor der zweiten Haarnadelkurve, platzte ich regelrecht. Die Muskulatur versagte komplett den Dienst, nur mit Mühe konnte ich vermeiden, dass ich einfach seitlich vom Rad fiel.

Ich setzte mich erstmal in die Wiese und rief die Familie an. Im Zeitplan war ich noch, aber ein Sich-Abholen-Lassen war nun eine durchaus realistische Option, weshalb ich mich schon mal "voranmeldete". Aber aufgeben wollte ich auf keinen Fall!

Zum Glück hatte ich kurz zuvor meine Wasserflaschen nochmal aufgefüllt, eine mit Dextrogetränk, die andere mit kaltem, klarem Wasser. Das nutzte ich nun, um meinen linken Oberschenkel, der am schlimmsten dran war, zu kühlen und zu massieren. Ansonsten schüttelte ich die Waden aus, massierte auch den rechten Quadrizeps, Semitendinosus, Bizeps fermoris und Adduktor, aß und trank und fasste neuen Mut. Weiter, immer weiter!

Nur noch zwei km bis zur Passhöhe...
Glücklicherweise ist der Col d'Aspin von da an sehr gleichmäßig, immer zwischen 7,7 und 8,3%, ohne Rampen, ohne Überraschungen und mit viel Wald, d.h. Schatten und erträglichen Temperaturen.

Die sanken nun immerhin von 34° C auf ca 30° C, vor allem der Schatten half. Ich fuhr fast nur mit dem rechten Bein, beim linken betrieb ich hauptsächlich Krampfverhinderung - noch einen würde ich nicht überstehen, da war ich mir sicher. Zum Glück hatte das Bein ein (B)einsehen...

Mit jedem Meter zur Passhöhe wuchs meine Müdigkeit, aber auch meine Zuversicht. Würde ich es schaffen, dort oben anzukommen, warteten zur Belohnung ca. 12 km Abfahrt ohne Zwischensteigung bis nach Arreau auf mich, und von da an waren es nur noch knapp ein km bis zurück zur Wohnung!

Letzter Pass - geschafft! Hinten wieder mal der Pic du Midi...
Als ich schliesslich die Passhöhe erreichte, war das ein echt großartiges Gefühl. Trotz meiner Probleme hatte mich kein Rennradfahrer (und auch sonst keiner) überholt - ich aber so ca. 15-20 Fahrer passiert.

Immerhin war ich seit meinem Krampf noch mit 11,5 km/h und ca. 200 Watt gefahren - in Anbetracht der zurückgelegten Strecke und der Probleme mit den Krämpfen war das durchaus akzeptabel.

Leider warnte mein Garmin Edge 800 schon: "Batterien schwach" - ich ahnte, dass er die Strecke wohl nicht komplett aufzeichnen können würde. Ich hatte eigentlich ein Battery Pack mitnehmen wollen, es aber morgends vergessen. Na egal. Am Col erstmal die Aussicht genießen, schnell ein Foto, dann ab ins Tal. Die Abfahrt macht richtig Spaß, die Kurven sind flüßig zu fahren und wunderschön, besonders "Le Fer à Cheval" ca. 2 km nach der Passhöhe.

Arreau vom Col d'Aspin aus, knapp 5 km unterhalb der Passhöhe
Auf dem Weg nach Arreau hielt ich noch einmal an, als ich unseren Urlaubsort endlich sah, um ein schönes Panoramafoto zu machen. Just in dem Moment, 8 km vor dem Ziel, meldete sich mein elektronischer Begleiter ab. Was die schiere Ausdauer angeht, kann er halt seinem Herrn nicht das Wasser reichen...

Schade, dass man dort nicht mehr einkehren kann. Am Bier
kann's nicht gelegen haben!
Fun fact: In einer Kurve sah ich ein verlassenes Hüttchen, in dem früher wohl mal eine Art Kneipe war. Dreimal dürft ihr raten, mit welchem Bier - oder schaut einfach auf das Foto!

Euphorisch sauste ich weiter den Col d'Aspin hinab. Seinen Namen hat der Pass übrigens von dem schmucken Dörfchen Aspin-Aure. Das lag früher direkt am Pass, mittlerweile aber nach einem Neubau des Passes, der diesen ein bisschen länger, dafür besser fahrbar macht (in Aspin gibt's eine superenge Kurve, für LKWs total ungeeignet), etwas abseits.

Trotzdem - oder gerade deshalb -  ist die Fahrt über die D110 entlang des Baches Le Berlan sowohl für PKW- wie auch für Radfahrer, die den Pass mehr als einmal fahren wollen, eine echte Alternative.

Ich fuhr diesmal, bei meiner "Erstbefahrung", aber über die Hauptstraße, zumal ich mir da nicht mal sicher war, ob überhaupt wieder ein Weg aus dem talwärts gelegenen Dorf hinausgeht - das fand ich erst später nach dem Kartenstudium heraus. Zwei Tage später fuhren wir mit dem Auto durch Aspin-Aure. Kann ich nur empfehlen, auch mit dem Rennrad!

Zurück in Arreau! Vorn der Beginn der Auffahrt...
Nach etwas mehr als sechseinhalb Stunden und fast 156 km mit knapp über 23 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit war ich nun wieder in Arreau! Die Krämpfe waren auch verschwunden, den letzten Kilometer zur Wohnung konnte ich trotz des 20%igen Schlußanstieges in der "rue de Lançon" problemlos bewältigen.

Meine Familie war erleichtert, mich wohlbehalten zurückzuhaben, und erfreut, daß ich es dann doch alleine geschafft hatte.

Mit ca. 4.100 hm war dies nach dem "Cinglé du Mont Ventoux" (ca. 4.400 hm) meine zweitgrößte Höhenmeterleistung, seit ich Rad fahre - und in Kombination mit der Länge der Strecke sicher die schwerste.

Da ich die Tour selbst geplant hatte, kann ich auch nicht wie Octave Lapize auf die Organisatoren schimpfen - anders machen würde ich aber schon einiges. Zum einen würde ich die ersten 100 km nach Möglichkeit noch flacher planen, ohne soviele giftige Zwischenanstiege, wie ich sie eingebaut hatte. Zum anderen - und das ist noch viel wichtiger: Mach nie, nie, nie am Tag vor solch einer Fahrt einen anstrengenden Berglauf... ;-)

Ansonsten würde ich alles wieder genau so machen! Es war klasse! Frei nach Walter Goodefrot: "Die Aumann, die ist so stark, die geht nie kaputt!" (with apologies to Udo Böltz...)














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